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Sterben mit Anlauf

Er rückt näher, der Oktober. Genaugenommen die Veranstaltung „Fittes Waldviertel“. Das bedeutet in meinem Fall hundert Kilometer zu wandern. Wieder einmal. Zweimal habe ich diese Distanz in den letzten Jahren zu Fuß und am Stück zurückgelegt. Beide Male habe ich bereits – inklusive der Vorbereitung darauf – in Blogbeiträgen ausgiebig thematisiert.

Man findet hierhier, hier, hier, hier und hier eine Menge Information, die ich damals akribisch zu Bildschirm gebracht habe.

Da jedoch bei jeder neuen Wahnsinnsaktion alles anders ist als sonst, werde ich auch diesmal über die Vorbereitung und die abschließende Wanderung selbst berichten. Ob ihr wollt oder nicht. Skrupellos.

Zweimal hatte ich bereits längere Spaziergänge zur Vorbereitung unternommen. Mal in Gesellschaftmal allein, einmal mit etwa dreißig, einmal mit etwa vierzig Kilometern Streckenlänge.

So wurde es nun schön langsam Zeit, die Distanz deutlich über die eines Marathons zu erhöhen. Fünfzig Kilometer wären fein.

Gesagt, getan.

In Absprache mit Mrs. Pacemaker – die Leserinnen und Leser dieses Blogs kennen sie ja bereits – plante ich eine Runde mit der oben genannten Streckenlänge und dann suchten wir einen Wandertermin, der jedem von uns möglich war. Das sollte aufgrund des Umstands, dass wir beide in einem Beruf tätig sind, der bekannterweise ausschließlich wegen der beiden Argumente namens „Juli“ und „August“ ergriffen wird, nicht allzu schwierig sein. Jo, schmecks, wie der Lateiner zu sagen pflegt. Blöderweise hat jeder von uns auch noch andere Verpflichtungen oder Termine. Nicht unbedingt immer unangenehme, aber doch existente.

WhatsApp ist allerdings nicht nur eine ideale Unterstützung beim Cybermobbing, sondern auch als Planungstool ganz brauchbar, also fanden wir letzten Endes doch einen Tag, der uns beiden konvenierte.

Um acht Uhr montagmorgens ging es los. Routine. Gewohnt schnellen Schrittes starteten wir.

Noch in Eisgarn jedoch bemerkte meine Wanderkomplizin, dass ihr unterer Rücken deutlich feuchter war, als es nach diesen wenigen Metern und aufgrund der noch recht angenehmen Temperatur angebracht gewesen wäre. Schweiß war somit auszuschließen. Messerscharf folgerte sie also, dass das Trinksystem in ihrem Rucksack undicht sein musste. Es folgten ein kurzer Stopp, ein (diesmal korrektes) Schließen der Trinkblase und schon konnte es weitergehen. Über Asphalt, über Wiesen, über Waldwege – bis hierhin nichts Überraschendes.

 

Überraschend war lediglich, dass wir bald unversehens vor einer Brücke standen, hinter der einige Arbeiter gut gelaunt ihr Frühstücksbier zwitscherten. Kein Wunder: Erstens ging es bereits auf neun Uhr zu und zweitens war es warm. Deutliche Plusgrade. Das also war nicht die Überraschung. Diese bestand viel eher darin, dass diese Brücke gerade renoviert wurde. Die Holzplanken waren teilweise bereits entfernt worden und die Stahlträger lagen offen da. Mein erster Impuls war, einen anderen Übergang über den Braunaubach, der träge und kupferfarben darunter dahinfloss, zu suchen. Mrs. Pacemaker aber schlug vor, doch über einen der Träger zu balancieren. Sicherheitshalber rief ich der uns amüsiert musternden Bierrunde am anderen Ufer zu, ob es in Ordnung sei, wenn wir über ihre Baustelle kraxelten. „Jo“, war die Antwort, „wauns net ostiarzts, weu suns sats noss.“ Huch. Wer hätte das gedacht?

Ich setzte also meinen Fuß auf einen der Stahlträger, machte ein paar Schritte und war gleich auf der noch verbliebenen (und zugegeben wirklich nicht mehr sehr vertrauenerweckenden) Holzbeplankung angekommen. Die eben noch zuversichtliche Balancekünstlerin zögerte nun kurz, aber mit einer schnellen Handreichung meinerseits überwand auch sie den gähnenden Abgrund und wir setzten unseren Weg planmäßig fort. Zwar bemerkte sie ein wenig süffisant – man beachte das Wortspiel –, dass es noch etwas früh für das erste Bier sei, sie aber später auch gern eines hätte, sollte uns der Weg hier wieder vorbeiführen.

Nein. Würde er nicht. Ich denke, das war ihr auch klar. Sie kannte ja die geplante Runde.

 

Kurz darauf hatte ich mein Trinksystemproblem des Tages: Mit Hilfe meines unendlichen Fingerspitzengefühls hatte ich es geschafft, das Mundstück meiner Trinkblase gemeinsam mit der Staubschutzkappe abzuziehen und so plätscherte das Wasser munter heraus und ich brauchte eine Hand, um den Schlauch abzudichten. Das Mundstück allerdings einhändig aus der Schutzkappe zu bekommen, war ein Ding der Unmöglichkeit, ergo opferte Mrs. Pacemaker heldinnenhaft die Unversehrtheit eines Fingernagels und bald war meine Trinkvorrichtung wieder einsatzbereit.

So wanderten wir also weiter, von Eberweis über Altmanns bis nach Wielandsberg und Amaliendorf-Aalfang. Da fiel mir ein, dass nur einige Schritte neben unserer Route ein Haus lag, über das ich bereits einmal hier geschrieben hatte. Um es zu besichtigen, gönnten wir uns einen kleinen Umweg, noch waren wir ja beide frisch, munter und motiviert. Dafür legten wir beim Amaliendorfer Gemeindeamt einen kurzen Restaurationsstopp im Schatten ein.

Am Wackelstein vorbei führte die Wanderung nun durch angenehm schattige Wälder bis zum Gebhartsteich.

 

Dort allerdings beging meine Wanderkomplizin einen regelrechten Kardinalfehler: Das strahlende Wetter und der erhöhte Endorphinanteil in ihrer Blutbahn rissen sie zur fatalen Aussage hin, dass diese Route die bisher schönste unserer gemeinsamen Unternehmungen sei. Bereits einige Schritte später verloren wir in einem offensichtlich erst kürzlich geschlägerten Waldstück den Weg. Das hatten wir also davon. Zu früh gefreut.

Ich bin ja nicht abergläubisch, aber so manches tut man einfach nicht. Zum Beispiel unter Leitern durchgehen. Seinen Mogwai nach Mitternacht füttern. (Okay, das verstehen nur wir Kinder der achtziger Jahre.) Oder beim Wandern die Streckenführung loben. Das hatten wir nun davon.

 

Da wir aber nicht ganz unerfahren im Kombinieren von Technik und Intuition waren, befanden wir uns bald wieder auf dem rechten Weg und marschierten flotten Schrittes auf Guttenbrunn und Wolfsegg zu. Zwar sprach ich die Möglichkeit kurz an, war aber nicht sonderlich motiviert, dort das „Steinerne Weib“ zu besuchen, über das ich auch schon einmal geschrieben hatte. Wir verschoben das auf eine der nächsten Wanderungen. Was gut war, denn wir machten auch in diesem Streckenabschnitt unabsichtlich ein paar Meter mehr. Sehr idyllische, die uns auch an entzückenden, versteckt liegenden Häuschen vorbeiführten, aber doch eben mehr. Und bei einer Fünfzig-Kilometer-Tour braucht man das nur bedingt.

 

Was man allerdings braucht, ist Wasser. Davon hatten wir genug dabei. Dagegen tritt die Energiezufuhr bei diesen sommerlichen Temperaturen ein wenig in den Hintergrund. Zumindest bei mir. Ein ausgiebiges Frühstück, zwei Müsliriegel und ein Apfel würden mich schon durch den Tag bringen. Bei Hitze meldet sich mein Magen nur bedingt, da muss ich schon vorsätzlich ans Essen denken. So auch bei dieser Wanderung.

Mrs. Pacemaker braucht da eindeutig mehr. Zusätzlich zu den belegten Weckerln, die sie aus ihrem Rucksack zauberte, zog sie auch an diesem Tag wieder eine Schneise durch die Flora des oberen Waldviertels: Himbeeren, Erbsen, Äpfel, kaum etwas Essbares entging ihrem Blick. Traurig stimmte sie nur der Umstand, dass der Mais auf den Feldern noch nicht reif war und dass wir beide nicht genau wussten, wie hoch die Dosierung bei der Zubereitung von Opium-Tee wäre. Theoretisch durchaus delikate Frösche und Schnecken wurden zwar neugierig gemustert, aber letzten Endes doch nicht verspeist. Und der Pilz auf dem Foto diente lediglich als Beweis, dass es bereits welche gäbe.

Langsam aber sicher ging es mittlerweile wieder zum Ausgangspunkt zurück. Nur mehr etwa fünfzehnzehn Kilometer trennten uns vom Ziel, als wir durch den Naturpark Heidenreichsteiner Moor kamen. Meine Fußsohlen – vor allem die rechte – machten mir mittlerweile eindeutig Probleme. Das Auftreten tat schon länger weh und es wurde schlimmer. Nein, meine Schuhe waren für kleinere, langsamere Wanderungen ganz gut geeignet, schnelle, lange Märsche hingegen brauchten anderes Equipment. Leichteres. Flexibleres. Besser gedämpftes.

 

Mrs. Pacemaker zog in ihrer gewohnten Geschwindigkeit dahin, jener Geschwindigkeit, die ihr ihren Namen eingebracht hatte. Nein, durch die zahlreichen Bremsen, Mücken und Zecken war sie an diesem Montag wahrscheinlich noch schneller als sonst. Und wie immer war sie in Laufschuhen untetwegs. Das hatte sich für mich nicht bewährt: Bei Traillaufschuhen hatte ich immer nach einiger Zeit (so etwa ab Kilometer fünfundzwanzig) den Untergrund zu stark durchgespürt. Allerdings trug sie ein Paar einer Marke, die für ihre extreme Dämpfung bekannt ist. Und sie war begeistert, schwärmte richtiggehend davon. Nun ja, sie wusste schließlich, wovon sie sprach. Vielleicht sollte ich die Produkte dieses Herstellers ein wenig näher unter die Lupe nehmen. Schlechter konnte es unmöglich werden: Mein Gangbild glich mittlerweile wohl dem eines übernachtigen Bären, der versucht, auf den Hinterbeinen zu gehen. Vermute ich. Beweisvideos gibt es glücklicherweise keine.

 

Nach Motten und Heidenreichstein ging es bergab. Allerdings nicht nur mit meiner Wanderlust, sondern buchstäblich und höhenmetertechnisch. Rücksichtsvoll schaltete Mrs. Pacemaker ein wenig zurück und bewegte sich in einer Geschwindigkeit fort, die für sie mehr als ungewohnt sein musste.

Als wir Eisgarn durchquerten, war das Ende nah. In all seinen Bedeutungen.

Bald schon ging ich auf das Licht am Ende des Tunnels zu, war aber doch recht erleichtert, als ich feststellte, dass es nur mein in der Sonne glänzendes Auto war.

 

Röchelnd auf der Motorhaube desselbigen liegend gewahrte ich, wie meine Sterbebegleiterin noch fröhlich lächelnd ein paarmal vor ihrem Haus auf und ablief, um die fünfzig Kilometer auf ihrer GPS-Uhr zu komplettieren.

Das war der Moment, als ich wusste: Ich brauchte andere Schuhe.

Noch vor dem nächsten Marsch.

I will survive.

Meine Neuerwerbung. Nach dem Lesen diverser Testberichte wurde es dieses schöne Paar. Ich werde demnächst berichten. Wiederum skrupellos.
Meine Neuerwerbung. Nach dem Lesen diverser Testberichte wurde es dieses schöne Paar. Ich werde demnächst berichten. Wiederum skrupellos.