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Der Vergleich macht dich (un)sicher

Vor nicht ganz einem Jahr wanderte ich eine Runde um Wien. Zwar nicht allein und auch nicht auf eigene Faust, aber durchaus motiviert und sogar erfolgreich. Damals schrieb ich einen Bericht, den die werte Leserin und der werte Leser hier finden. Die Veranstaltung hieß "Megamarsch" und bestand darin, eine per GPS und Wegmarkierungen vorgegebene Strecke von 100 Kilometern innerhalb von 24 Stunden zu Fuß zurückzulegen. Organisiert wurde sie von einem deutschen Unternehmen in Anlehnung an die (ältere) Konkurrenzveranstaltung "Mammutmarsch", bei der es um dasselbe geht.

Dass ich letztlich nicht nur an einem der beiden Events teilnehmen konnte, ist jedem klar, der mich auch nur halbwegs richtig einschätzen kann. Selbstverständlich wollte ich die zwei Veranstaltungen vergleichen. Was haben sie gemeinsam? Was unterscheidet sie? Somit blieb mir nichts anderes über, als mich eben auch für den Mammutmarsch anzumelden, der für April 2020 geplant gewesen war. Wie wir allerdings alle wissen, war das die Phase des generellen Lockdowns aufgrund der Covid-19-Pandemie, insofern fiel die Veranstaltung natürlich erst einmal aus. Mein 60-Kilometer-Trainingsmarsch im März war also dahingehend umsonst gewesen - wobei er allerdings wirklich schön und schon deshalb ein lohnendes Erlebnis gewesen war.

Sobald die Situation für die Veranstalter wieder günstiger war, wurde der Mammutmarsch auf den 5.-6.9.2020 verlegt und aufgrund der Hygienemaßnahmen ein wenig modifiziert. Aber dazu später noch mehr.

 

Außer kürzerer Touren, beispielsweise Bergwanderungen mit meinen Söhnen, hatte ich also nicht sehr spezifisch trainiert. Allerdings war ich ja gut in Form: Auch in den Ferien hatte ich die Trainingsroutine nicht schleifen lassen und meist nur einen trainingsfreien Tag pro Woche gehabt. Laufen, Radfahren und Krafttraining hatten die Sommermonate bestimmt. Ich fühlte mich den Anforderungen einer 100-Kilometer-Wanderung also durchaus gewachsen.

So packte ich am letzten Freitag der Sommerferien alles Notwendige ein und machte mich nach Korneuburg auf, wo ich die Nacht vor dem Mammutmarsch bei meinem Zweitgeborenen und dessen Verlobten verbrachte. Die beiden bereiteten mich mittels selbst gemachter Burger und elektrolythaltiger Getränke (siehe Bild) kalorientechnisch bestens auf die bevorstehenden Strapazen vor.

Nach einem ebenfalls herzhaften Frühstück am Samstagmorgen brach ich ins nahe Wien auf, wo um 13.30 Uhr für mich der Start der Veranstaltung stattfinden sollte. Natürlich nicht nur für mich, das wäre dann doch etwas einsam gewesen, sondern für alle, die in meiner Startwelle waren. Aufgrund der coronabedingten Vorsichtsmaßnahmen gab es nämlich diesmal mehrere Starts für kleinere Gruppen von etwa 150 Wanderinnen und Wanderern. Darüber hinaus mussten im Start-/Zielbereich und an allen Verpflegspunkten Masken getragen werden, die Snacks waren entweder verpackt oder wurden mit der Zange in selbst mitzubringende Behälter gelegt. Darüber hinaus wurde verschiedentlich darauf hingewiesen, mindestens eineinhalb Meter Abstand zu fremden Mitwandererinnen und Mitwanderern zu halten. Auch gab es ausreichend Desinfektionsmittel, kurz, es wurden alle Auflagen erfüllt, um die Gefahr einer Covid-19-Ansteckung so weit wie möglich zu verhindern.

Trotz diesen ein wenig einschränkenden Vorgaben und einem sehr heißen Tag unter glühender Sonne war die Stimmung generell wirklich gut, alle freuten sich offensichtlich auf den Extremspaziergang, der vor ihnen lag. Bei manchen Starterinnen oder Startern hatte ich allerdings den dringenden Verdacht, dass sie aufgrund ihrer Ausrüstung nicht allzu weit kommen würden: Ich bemerkte Leute mit Jeans, modischen, aber dünnen Sneakers und anderem ungeeigneten Equipment. Und tatsächlich, außer zu Beginn sah ich diese Menschen nie wieder.

Wie bei solchen Veranstaltungen üblich fanden sich bereits auf den ersten Kilometern jene Teilnehmerinnen und Teilnehmer zusammen, die auch weiterhin gemeinsam unterwegs sein würden. Man überholte sich zwar hin und wieder gegenseitig, doch man traf sich an den Verpflegspunkten oder ging Abschnitte gemeinsam. Dabei wurde geplaudert, geblödelt oder einfach gemeinsam gelitten - je nach Uhrzeit, Wegbeschaffenheit oder bereits zurückgelegter Kilometeranzahl.

Fast von Anfang an und tatsächlich bis ins Ziel war ich diesmal mit Thomas, einem sehr sympathischen Berufssanitäter, unterwegs. Da fühlte ich mich doch gleich viel sicherer. Darüber hinaus war er ein wirklich angenehmer Sportbuddy: Er hatte den gleichen Hang zu schwarzem Humor wie ich, gleiche politische Ansichten und schien ebenfalls ständig drauf und dran, die Welt neu zu entdecken. Mit einem Wort, wir hatten es zeitweise durchaus lustig.

 

Lustig war auch die Situation, in voller Wanderausrüstung zwischen den unverschwitzten, duftenden, gestylten Halbschuhtouristen den Schönbrunner Schlosspark zu durchqueren, die Anhöhe zur Gloriette nicht im Schlendertempo, sondern zügig marschierend zu erklimmen und dabei natürlich etwas argwöhnisch beäugt zu werden.

Doch an diese Situation gewöhnt man sich als Teilnehmer einer solchen Veranstaltung sehr schnell. Generell gibt es nämlich drei Typen von Passanten beziehungsweise Passantinnen. Hier seien sie kurz vorgestellt.

1. Die Gafferin/der Gaffer:

Ihre oder seine großen Augen und der halb geöffnete Mund zeigen deutlich, dass gerade der Gedanke "Was machen diese Irren da?" durch ihren oder seinen Kopf schießt. Manche verbergen diese Frage mimisch besser, manche schlechter.

2. Die/der Neugierige:

Hierbei handelt es sich um die sozial weiterentwickelte Abart des Gaffers. Offenheit und Kommunikationsfähigkeit sind bei dieser Spezies so weit ausgeprägt, dass sie in der Lage ist, sich nach der Ursache des Umstands zu erkundigen, warum eine erkleckliche Anzahl schwitzender, teilweise humpelnder Menschen mit Rucksäcken an ihr vorbeizieht.

3. Die/der Cheerleader:

Sie klatschen begeistert, feuern die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Marschs an und wissen oftmals sogar über die Länge der noch verbleibenden Wegstrecke bescheid, was sie nicht selten in die Worte "Es sind eh nur mehr ... Kilometer!" gießen. Hin und wieder helfen sie sogar mit nützlichen Tipps wie "Da vorne müsst ihr euch rechts halten!" oder Ähnlichem.

Was allerdings bei einer Veranstaltung wie dieser im Gedächtnis bleibt, sind die markanten Punkte der zurückgelegten Strecke und der jeweilige körperliche Zustand, in dem man diese passiert. Ist zu Beginn noch eine Art High-Speed-Sightseeing möglich, so stumpft man natürlich mit der Zeit ein wenig ab. Etwa ab Kilometer 80 werden die Schönheiten der Gegend etwas nebensächlich. Es geht dann primär um Schmerzvermeidung. Untergrund, der druckempfindlichen Fußsohlen schmeichelt, ist da bereits deutlich wichtiger als Naturschönheiten oder kunsthistorisch wertvolle Architektur. Tatsache.

Auf keinen Fall vergessen sollte man auch den Umstand, dass so ein Marsch über Nacht geht. Diesmal war das aufgrund der Streckenführung gar nicht unangenehm, denn die Abschnitte in der Dunkelheit führten zu einem großen Teil durch bebautes Gebiet: (Straßen-)Beleuchtung war also allgegenwärtig. Beim Megamarsch 2019 war das anders gewesen. Die Kombination von Sturm, Regen, Dunkelheit und recht steilem Gelände verlangte im nördlichen Wienerwald oder am Lainzer Tiergarten durchaus sicheres Steigen und eine gute Stirnlampe. Beim Mammutmarsch waren die fordernden Streckenabschnitte für die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer noch bei Tageslicht zu bewältigen.

 

Witzig fand ich auch den Umstand, dass selbst in den eher verrufenen Winkeln der Millionenstadt Wien auch um drei Uhr in der Früh von den Nachtschwärmern freundliche Grüße, aufmunternde Worte oder der eine oder andere Tipp zum weiteren Wegverlauf zu hören waren. Übrigens auch von solchen, um die man sonst vielleicht (vor allem im Dunkeln) einen großen Bogen gemacht hätte.

Eine Bestätigung, dass nicht alle Vorurteile stimmen - weder über den Moloch Großstadt noch über die Bestialität des Menschen.

Doch sehen wir einmal von meinen küchenphilosophischen Ergüssen über das Gute im Menschen ab. Was ist das Fazit dieser Wanderung, die mir nicht nur die üblichen Blasen und abgestorbenen Zehennägel, sondern auch eine veritable Augenentzündung - verursacht durch Schweiß in selbigen plus wohl nicht ganz sauberen Händen - beschert hat? Vor allem wollte ich ja die beiden ähnlichen Events Mega- beziehungsweise Mammutmarsch vergleichen. Dabei ist natürlich zu berücksichtigen, dass der Mammutmarsch diesmal eine modifizierte "Corona-Edition" war, also der eine oder andere Eindruck täuschen kann.

 

Beide Events waren sehr professionell aufgezogen. Das kann ich aus meiner Warte als (Mit-)Organisator von Sportveranstaltungen durchaus bestätigen. Wenn man weiß, welche bürokratischen Hürden, welche logistischen Tücken und welche unerwarteten Schwierigkeiten bei dem Auf-die-Beine-Stellen einer solchen Veranstaltung bewältigt werden wollen, schätzt man sie als Teilnehmer gleich noch ein wenig mehr. Allerdings hatte ich persönlich den Eindruck, dass beim Megamarsch viel Wert darauf gelegt wurde, diese Professionalität mit Gewalt nach außen zu tragen - was den Charme einer Wanderveranstaltung durchaus untergraben kann. Aufwändige Markierungstafeln (die teilweise schlecht platziert sind) und marktschreierisches Verhalten eines Möchtegern-Einpeitschers beim Start machen noch nicht die Qualität eines solchen Events aus.

Beim Mammutmarsch schien sich alles um den Kern der Sache zu drehen: das Erlebnis, sich einer persönlichen Herausforderung zu stellen und diese zu meistern. Der Umgang mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern wirkte ehrlich herzlich, die Strecke war durch gesprayte Bodenmarkierungen und reflektierende Bänder an Ästen, die fast ausnahmslos gut sichtbar waren, deutlich gemacht. Auch die GPS-Daten, die man vorab downloaden konnte, waren deutlich exakter als beim Megamarsch.

Bei beiden Events merkte man übrigens, dass sie von Ortsfremden geplant worden waren: An vielen Stellen wäre eine bessere Streckenführung möglich gewesen. Vor allem der Mammutmarsch wies hierbei große Schwächen auf, da einige Abschnitte ganz offensichtlich ausschließlich dazu dienten, auf die angestrebte Kilometeranzahl zu kommen. Stupides Geradeausgehen über viele Kilometer, nur um anschließend parallel dazu zurückzugehen, zermürbt unnötig - vor allem, wenn man (als geborener Wiener) weiß, dass es gute, landschaftlich spannendere Alternativen gäbe.

 

Müsste ich mich aber unbedingt zwischen den beiden Events entscheiden, wäre der Mammutmarsch mein Favorit: Er ist familiärer, unprätentiöser und die Streckenmarkierung ist besser. Das gibt aber natürlich nur meine persönliche Ansicht wider, liebe Leserin und lieber Leser. Am besten wäre, du machst es mir nach und verschaffst dir selbst einen Eindruck von den beiden Veranstaltungen. Deine Füße werden es dir nicht danken. Dein Ego schon.