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Geheimnis um ein Refugium

Der Grasel - Räuber, Bad Boy, Pinup und Schreckgespenst des biedermeierlichen Ostösterreichs.

Viele Sagen ranken sich um diesen Mann, der mit nicht einmal 28 Jahren vor der Wiener Stadtmauer etwa im Bereich der heutigen Rossauerkaserne neben zwei seiner Mittäter gehängt wurde.

Laut Überlieferung waren seine letzten Worte: "Jessas, so vü Leit!"

Sein Leben war von Kindheit an eine bizarre Kreuzung zwischen Alptraum, Adrenalinrausch und Überlebenskampf.

Sich darin so etwas wie Menschlichkeit zu bewahren, grenzt an ein Wunder.

Und doch: Immer wieder schien Johann Georg Grasel, in die Mitte der Gesellschaft fliehen zu wollen. Er versuchte es mit ehrlicher Arbeit, mit Sesshaftigkeit, selbst mit der Gründung von so etwas wie einer Familie.

Nichts davon gelang.

Er konnte es nicht.

Und man ließ ihn auch nicht.

Grasel hatte einige Liebschaften, manche über längere Zeit, einige parallel.

Seine wichtigste war wohl Rosalia Eigner, mit der er eben auch ein Kind hatte, einen Sohn.

 

Die letzten Monate, die der legendäre Räuber auf freiem Fuß verbrachte, immer auf der Flucht vor den Behörden, nähren ein Geheimnis, das den kleinen Ort Aalfang nahe Heidenreichstein bis heute durchweht:

Grasel hatte Rosalia (die kurz "Salerl" genannt wurde), als er von ihrer Schwangerschaft erfuhr, 130 Gulden geschenkt. Von denen kaufte sie für sich, das Kind, ihre Schwestern und ihren Vater in Aalfang ein Haus.

Laut seiner eigenen Aussagen besuchte er sie dort des öfteren, doch es war kein sicheres Versteck. Die Adresse war den Behörden bekannt, immer wieder gab es "Visitationen" - nach modernem Sprachgebrauch Hausdurchsuchungen - die zur Sicherstellung von Diebsgut, vor allem aber der Ergreifung Grasels dienen sollten.

 

Dass die Suche nach diesem Haus für alle an Lokalhistorie Interessierten eine ganz besonderes lohnende Aufgabe darstellt, liegt auf der Hand. Und tatsächlich: Manche Heimatforscher sind der Meinung, es im Haus Seyfriedser Straße 62 identifizieren zu können.

 

Jenes Gebäude, das bei vielen Menschen als "das Graselhaus" gilt, hat diesen Ruf aufgrund weniger Indizien, die alle nicht hieb- und stichfest sind. Bei genauerer Betrachtung erweisen sie sich sogar als so gut wie substanzlos:

Eine Anekdote, die auch nur über mehrere Ecken ihren Weg bis zu uns Heutigen gefunden hat, erwähnt, dass ein hübsches Mädchen, das öfters Besuch vom Räuber Grasel erhalten habe, in einem Schinderhaus in Aalfang gelebt haben soll. Diese Bezeichnung würde natürlich auf ein einzeln stehendes Gebäude verweisen - und ein solches wäre das oben erwähnte durchaus.

Übrigens ebenso wie fast alle der damaligen Aalfanger Häuser, immerhin handelt es sich bei diesem Ort um eine Streusiedlung.

Auch Dr. Harald Hitz, der mit seinem Buch "Johann Georg Grasel, Räuber ohne Grenzen" die wohl ergiebigste und wissenschaftlich fundierteste Informationsquelle für alle Grasel-Interessierten geschaffen hat, interpretiert laut anderer Quellen das Haus Seyfriedser Straße 62 als das seinerzeitige Domizil der Eigners. Wie er allerdings zu dieser Schlussfolgerung gelangt, konnte ich (noch) nicht herausfinden. Klaus Peter Arnold, der Verfasser der mehrteiligen "Geschichte und Geographie von Amaliendorf-Aalfang" lässt in Band zwei sogar die Vermutung anklingen, dass Hitz selbst die Bevölkerungsmeinung durch seine Zuschreibung hervorgerufen haben könnte - ein durchaus vorstellbarer Gedanke.

Dass dies alles kein sehr tragfähiges Fundament bildet, liegt auf der Hand: Anekdoten, Vermutungen und Legenden sind unterhaltsam und laden zum Weiterforschen ein, sind aber wenig hilfreich, wenn es darum geht, wirkliche Gewissheit über die Geschichte eines Gebäudes zu erlangen.

Ich persönlich verlasse mich hierbei lieber auf Grundbücher und zeitgenössisches Kartenmaterial.

Hält man sich an diese beiden Quellen, wird das Dunkel allerdings auch nur ein wenig lichter:

 

Keine grundbücherliche Eintragung aus der Zeit um 1815 erwähnt den Namen Eigner, nicht einmal, wenn er (wie anderweitig vorgekommen) Aigner geschrieben wird. Ein wirklicher Kauf hat somit wahrscheinlich nicht stattgefunden, Rosalia Eigner kann das Haus wohl nur gepachtet oder gemietet haben. Dafür spräche auch, dass die geleistete Zahlung von 130 Gulden keine immens hohe war. Sie entspricht im günstigsten Fall einem Wert von etwa 6000 bis 7000 Euro. Selbst wenn die Immobilienpreise im Waldviertel bis heute vergleichsweise lächerlich niedrig sind, müsste dieser Betrag doch ein wenig stutzig machen. Hier Vergleichswerte zu haben, könnte noch mehr Aufschluss bringen.

Unter Umständen wurden die Eigners - die wohl wie Grasel Analphabeten waren - aber auch vom Hauseigentümer schlicht und einfach betrogen.

 

Das historische Kartenmaterial liefert meines Erachtens nach schließlich den eindeutigen Beweis, dass das Haus in der Seyfriedser Straße unmöglich das gesuchte sein kann:

 

Werfen wir zuerst einen Blick auf den betreffenden Ausschnitt der Franziszeischen Landesaufnahme, die ab 1809 entstand. Es handelte sich bei diesem Großprojekt um die Erfassung der Länder der Habsburgermonarchie - und zwar zur militärischen Verwendung. Das gesuchte Haus war eindeutig noch nicht vorhanden (der rote Pfeil markiert seine ungefähre heutige Lage).

Quelle: www.mapire.eu
Quelle: www.mapire.eu

Nun kann man natürlich entgegnen, dass das Entstehungsjahr der Karte eventuell vor dem Bau des Hauses lag, das ja laut Grasels Aussagen vor Gericht erst 1815 von den Eigners bezogen wurde. Es hätte sich in dem Fall also quasi um einen Neubau gehandelt. Unwahrscheinlich, aber doch möglich.

 

Um diesbezüglich noch mehr Gewissheit zu erlangen, zog ich eine zweite Karte aus dem betreffenden Zeitraum zurate, den so genannten Franziszeischen Kataster. Er stammt aus dem Jahr 1823 und wurde zur Festlegung der Grundsteuer angelegt. Sein Erscheinungsbild entspricht viel eher einer modernen Landkarte, doch auch hier ist das gesuchte Haus nicht zu finden.

Quelle: www.mapire.eu
Quelle: www.mapire.eu

Ich denke also, dass aufgrund dieser Umstände das Haus Seyfriedser Straße 62 mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit als "Graselhaus" ausfällt - es ist schlicht und einfach zu jung.

 

Vergleicht man den aktuellen Baubestand der näheren Umgebung - also in Aalfang, Amaliendorf oder Wielandsberg - mit den historischen Karten, so findet man allerdings durchaus noch Häuser, die zu Lebzeiten der Rosalia Eigner bereits existiert haben müssten. Das gesuchte Gebäude könnte also sehr wohl noch bestehen - es mit ausreichender Sicherheit zu identifizieren, ist allerdings schwieriger als vermutet. Oder doch nicht?

Ein auf den ersten Blick unscheinbarer, auf den zweiten Blick bemerkenswerter Hinweis ist eine Aussage Johann Georg Grasels, die im Verhörprotokoll vom 22. Februar 1816 vermerkt ist. Er sagt darin wörtlich folgendes:
"... Dieses Silbergeld und 200 Gulden-Scheine, die von anderen Diebstählen herrührten, hatte ich bei der Rosalia Eigner in Aalfang oder eigentlich Wielandsberg in Aufbewahrung. ..."

Der unbestritten ortskundige Grasel schien sich also nicht hundertprozentig sicher gewesen zu sein, ob das Haus seiner Geliebten noch zu Aalfang (wie er an früheren Stellen des Verhörs gesagt hatte) oder zur Nachbarortschaft Wielandsberg gehörte.

Wie konnte das sein? Woher rührte diese Unsicherheit?

Die Antwort ist nicht schwierig: Das Wohnhaus der Eigners musste offenbar direkt an der Grenze zwischen den beiden Orten gestanden haben, also genau am entgegengesetzten, bisher unbeachteten Ende Aalfangs.

 

Betrachtet man die alten Karten unter diesem Aspekt, so bietet sich ein ganz anderes Haus als "Graselhaus" an. Es stand seinerzeit als einziges knapp vor Wielandsberg. So knapp, dass die Zugehörigkeit zu dieser oder jener Ortschaft wohl tatsächlich nicht klar erkennbar war.

Quelle: www.mapire.eu
Quelle: www.mapire.eu

Zur Erklärung: Die rot eingezeichnete Linie ist die - heutige wie damalige - Gemeindegrenze zwischen Aalfang und Wielandsberg. Als Vorbote Aalfangs stand das Haus damals knapp vor den ersten Häusern der Nachbargemeinde, von ihnen nur durch einen kleinen Teich, eine Wiese und eine schmale Straße getrennt. Die nächsten Nachbarn lebten also zwar nur wenige Meter entfernt, aber bereits im anderen Dorf. Ein Mann wie Grasel, der nie Lesen und Schreiben gelernt hatte und dementsprechend wohl auch kaum Karten studierte (falls er an solche überhaupt kam), musste demnach zwangsläufig unsicher sein, zu welcher Ortschaft dieses Haus nun gehören mochte.

 

Somit ist dieser kurze Einschub, dieses zarte Zeichen von Verwirrung des sonst ausgesprochen selbstsicheren und eloquenten Räubers für mich ein umso authentischerer, glaubwürdiger Hinweis auf jenes Haus, das - zumindest einige Zeit - die kleine Familie Grasels beherbergt haben dürfte.

Die werte Leserin und der werte Leser mögen an dieser Stelle denken:

Schön, nach all dem kommt vielleicht wirklich nur ein ganz bestimmtes Haus in Frage.

Eventuell hat es ja auch einmal existiert. Doch heute, zweihundert Jahre später, wird es wohl einem Neubau Platz gemacht haben, einer Futterwiese gewichen sein oder das Areal ist längst aufgeforstet.

 

Falsch.

Das Haus steht noch.

Selbstverständlich wurde es (nicht allzu brutal) saniert, renoviert, modernisiert.

Doch die Gebäude, so wie sie im Jahre 1823, nur fünf Jahre nach Grasels Hinrichtung, im Franziszeischen Kataster eingezeichnet wurden, stehen bis heute.

 

Für mich persönlich ein kleines, aber umso erfreulicheres Wunder.