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Ab vor die Tür!

Manche Zeitgenossen scheinen es vergessen zu haben: Wir sind nicht dafür geboren worden, unser Leben in beheizten, elektrifizierten, staubgesaugten, künstlich beleuchteten Räumen zu fristen. Unser Körper ist seit der letzten Eiszeit unverändert, wir sind mit allen Fähigkeiten urzeitlicher Jäger und Sammler ausgestattet.

Das ist die Erklärung, warum unsere Vitalfunktionen im Freien deutlich besser sind, warum unsere Stimmung steigt, wenn die Sonne auf unsere Haut trifft, und warum Sorgen kleiner und kleiner werden, je länger wir uns im Freien bewegen.

Zu sehen, welche Kunstwerke die Natur für uns schafft, zu hören, wie die Vögel die steigenden Temperaturen bejubeln, zu riechen, wie der Wald um einen atmet, lässt uns Menschen die Kraft schöpfen, die wir brauchen, um uns arbeitsbedingt oft tagelang von all dem entfernen zu können.

Nicht selten müssen wir wieder lernen, uns auf natürlichem Untergrund zu bewegen - zu untrainiert ist unser Gleichgewichtssinn durch allzu plane Straßen geworden. Dass kognitive Fähigkeiten durch Balancieren gesteigert werden können, ist in Untersuchungen längst nachgewiesen. So macht uns die Natur nicht nur stärker und ruhiger, sie macht uns auch klüger.

Fast skurril muten unsere Versuche an, die Natur durch 3D-Fernseher oder möglichst realistisch wirkende Computerspiele in unsere Wohnzimmer zu holen. Die einzige Umgebung, für die unsere Sinne ausgelegt sind, ist das Original: die Natur mit all ihren Farbenspielen, ihren Temperaturunterschieden, ihren Geräuschen und Gerüchen.

Alles andere kann nur ein müder Abklatsch sein, ganz egal, wie sehr Ingenieure und Programmierer sich in ihren neonbeleuchteten Büros bemühen mögen, unsere Sinne zu täuschen.

Wir kommen auf ihnen nicht so schnell voran wie auf einer geräumten Asphaltstraße, doch die vereisten Waldwege lehren uns, unsere Füße wieder bewusst aufzusetzen, uns vorausschauend zu bewegen, Achtung für das Zusammenspiel von Umgebung und unserem Körper zu entwickeln. So erkennen wir deutlich leichter, welch ausgeklügeltes System unserer Anatomie zugrunde liegt.

Weder im Bereich der Robotik noch der Kybernetik ist es Wissenschaftlern bisher gelungen, etwas zu erschaffen, was unserem Körper in all seinen Fähigkeiten ebenbürtig ist. Verfeinert und optimiert wird dieses Wunderwerk allerdings nur im Einsatz, dort, wo sein Potenzial gefordert wird - im Freien.

Wenn unsere üblichen Wege unter dem Schnee verschwinden, gibt uns das die Chance, ausgetretene Pfade zu verlassen. Wir können Abkürzungen nehmen, uns neu orientieren, die große Weite um uns wahrnehmen, um endlich einmal anders abzubiegen als bisher.

Dadurch gewinnen wir nicht selten neue Blickwinkel, die Voraussetzung dafür, anders zu denken als sonst. 

Wenn dann die Sonne nicht nur uns wärmt, sondern auch den Schnee als Wolken zurück an den Himmel holt, dann liegt die Erde bald wieder Fleck für Fleck frei. Weiß, Braun und Blau werden dann von Grün übertönt und die Natur erfindet sich neu.

Doch die Vorfreude auf dieses Ereignis ist bereits jetzt zu spüren.

Wie eingangs schon erwähnt: Wenn wir uns in den eigenen vier Wänden verkriechen, verpassen wir all das, was uns der offene Himmel geben kann. Wir tanken nicht die Kraft, die uns zusteht, wir erweitern unseren Horizont nicht so weit, wie es unsere Pflicht wäre, und wir wachsen nicht zu der Größe heran, die wir erreichen könnten.

Wir bleiben künstlich zurückgestutzte Geschöpfe eines Gottes, der sich das alles ganz anders vorgestellt hatte.

Vollkommen anders.