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Fashion Victim

Hellmonsödt, der Ort meines heutigen Besuchs, liegt nur wenige Kilometer nördlich von Linz, an jenem Tag also beinahe auf meinem Weg ins heimatliche Waldviertel. Nah genug für einen Abstecher, den ich mir schon lange vorgenommen habe. Es ist ein strahlend schöner, wolkenlos sonniger Februartag. Die sanftwellige Landschaft des Mühlviertels ist schneebedeckt und präsentiert sich so idyllisch, dass es eigentlich gar nicht zum Thema meiner Recherche passen will. Hellmonsödt selbst wirkt gemütlich: Einfamilienhäuser, einige Mehrfamilienhäuser, ein paar Industriebetriebe am Ortstrand, ein Freibad, knapp zweieinhalbtausend Einwohnerinnen und Einwohner – nichts Aufsehenerregendes.

Ich parke mein Auto auf dem dreieckigen Marktplatz und vertrete mir ein wenig die Beine. Unter den wachsamen Blicken eines gemütlich über den Platz schlendernden Exekutivbeamten umrunde ich auf tadellos geräumten und gestreuten Gehsteigen die altehrwürdige Kirche des Ortes. Ich lese die Schautafeln, die ein wenig über die Ortsgeschichte verraten, mache Fotos und bade ein wenig in der spürbaren Beschaulichkeit jener Marktgemeinde.

Am genauesten besehe ich mir allerdings die bereits erwähnte Kirche. Selbst diese würde auf den ersten Blick nicht sonderlich auffallen. Sie ist eine großteils spätgotische Pfarrkirche, wie man sie im Mühl- und Waldviertel immer wieder findet. Wie es sich für ein solches Gebäude gehört, wird sie vom Pranger, einem Nahversorger, dem Kriegerdenkmal, einer Raiffeisenbank-Filiale, einer Bäckerei, einem Fleischhauer, einer Zahnarztpraxis, dem Amtshaus und dem (typischerweise dem ländlichen Wirtshaussterben zum Opfer gefallenen) Gasthof Post flankiert. Man merkt: Eine gewisse Verwechslungsgefahr mit den Gegebenheiten anderer Orte Österreichs besteht.

Und doch verbirgt sich unter diesem Gotteshaus etwas, das deutlich außergewöhnlicher ist als alles Oberirdische in jener oberösterreichischen Marktgemeinde.

Was das ist? Um das zu erklären, muss ich ein wenig auf die Baugeschichte dieser, dem heiligen Alexius geweihten Kirche eingehen:

Außenansicht der Gruftkapelle
Außenansicht der Gruftkapelle

Auch wenn Österreich heutzutage eine Republik ist, so werden – vor allem in ländlichen Gebieten – ehemals adeligen Familien entstammende Personen noch immer gern und ohne allzu viel Augenzwinkern zum Beispiel als Graf oder Gräfin bezeichnet. Falls du, liebe Leserin oder lieber Leser, denkst, ich übertreibe mit dieser Behauptung, so wirf doch einfach einen Blick ins Programm des ORF. Dort findest du Sendungen wie „Herrschaftszeiten!“ auf ORF 2, Talkshows zum Thema oder Dokumentationen wie etwa "Erbe Österreich: Österreichs Adel unter sich" auf ORF III. Kurz und gut, die gelernte Österreicherin und der gelernte Österreicher blicken (so demokratisch gesinnt sie auch sonst sein mögen) nach wie vor voll nostalgischer Inbrunst zur angeblich blaublütigen Gesellschaft auf.

 

Deshalb kennt man hierzulande natürlich auch den alten Hochadel: Liechtenstein, Fürstenberg oder Starhemberg sind beispielsweise Namen, die jedes Kind irgendwann im Geschichtsunterricht gehört hat.

 

Ein Mitglied der letztgenannten Familie namens Gundaker von Starhemberg ließ Teile des heutigen oberösterreichischen Mühlviertels urbar machen. Der Wald wurde gerodet und Acker- beziehungsweise Weideland angelegt. Das warf natürlich deutlich mehr Gewinn ab als so ein chaotisch verwachsener Urwald und es schuf eine Lebensgrundlage für die Untertanen, die ab nun auf den Feldern und Weiden der starhembergschen Besitztümer im wahrsten Sinne des Wortes ackern durften. Im Zuge dieser Urbarmachung gründete Gundacker im Jahre 1212 den Ort Hellmonsödt und ließ dabei natürlich auch eine Kirche erbauen, die etwa 220 Jahre später von einem seiner Nachfahren, einem gewissen Hanns IV. von Starhemberg neu errichtet wurde. Und zwar so standesgemäß, dass sie ab sofort als Begräbniskirche der herrschaftlichen Familie diente. Eine sicher sehr prestigeträchtige Sache für die einstige Pioniersiedlung Hellmonsödt. Dem wurde auch dadurch Rechnung getragen, dass etwa im Jahr 1500 noch eine Kapelle und Gruft angebaut wurden. Bis heute befinden sich an den Wänden der Kapelle und an den Außenmauern der Kirche zwölf prunkvolle Marmor-Grabplatten. Beeindruckende und wunderschöne Beispiele für frühneuzeitlichen Grabschmuck des österreichischen Adels.

Trotzdem: Das, was mich wirklich interessiert, ist etwas anderes. Etwas deutlich weniger Repräsentatives.

In der Gruft der Starhembergs befinden sich nämlich noch immer zehn Särge von Familienangehörigen. Die ältesten stammen aus dem 16., die jüngsten aus dem 19. Jahrhundert. Das weiß man, da neun der Särge mit teils recht ausführlichen Inschriften versehen sind. Ein illustres Stelldichein einstmals sicher prominenter, wohlhabender, einflussreicher Persönlichkeiten aus der Familie Starhemberg. Doch der zehnte Sarg tanzt aus der Reihe. Natürlich nicht wortwörtlich, aber er fällt aus drei Gründen auf: Erstens ist er im Vergleich zu den anderen Särgen winzig, zweitens steht er auf einem anderen und drittens ist sein ursprünglicher Deckel durch eine Glasplatte ersetzt worden. Tritt man näher, kann man also ins Innere des Sarges sehen. Spätestens dann wird klar, dass es sich tatsächlich um die letzte Ruhestätte eines sehr, sehr jungen Kindes handelt.

Vor der Betrachterin oder dem Betrachter liegt ein kleiner, mumifizierter Leichnam, gekleidet in mittlerweile fahlgelbe, doch offensichtlich sorgfältig verarbeitete Seide. Definitiv kein gewöhnliches Kind.

Doch um wen handelt es sich? Gleich vorweg: Hundertprozentige Sicherheit über die Identität des Kindes herrscht nicht. Als im Zuge der Renovierung der Gruft im Jahre 2017 auch der Sarg, das Kleidchen und der kleine Körper von Schimmel befreit und gereinigt worden waren, stellte man zumindest einmal eindeutig fest, dass es sich um einen Buben handelte.

Ein Forschungsteam unter der Leitung des Münchner Pathologen und Mumienspezialisten Prof. DDr. Andreas Nerlich konnte mittels einer Radiokarbon-Datierung bestimmen, dass dieser im 16. oder 17. Jahrhundert gelebt haben musste. Die Untersuchungen ergaben auch, dass der Bub im Alter von zehn bis achtzehn Monaten verstorben war. Der Stammbaum der Familie Starhemberg und der Umstand, dass nur erstgeborene männliche Nachkommen in der Gruft bestattet worden waren, ergab, dass nur drei Starhemberger in Frage kamen: der 1566 zur Welt gekommene Gregor, der 1589 geborene Gundaker oder Reichard Wilhelm, der 1625 das Licht der Welt erblickt hatte. Wie bereits gesagt, ganz genau weiß man es – zumindest noch – nicht. Je nachdem, wo man nachliest, soll es sich entweder um Gregor oder um Reichard handeln. Allerdings ist die Identität des Kindes meiner Meinung nach gar nicht die spannendste Frage im Zusammenhang mit der kleinen Mumie. Interessanter finde ich den Grund seines Ablebens und den Umstand, dass und vor allem wie der Baby-Leichnam mumifiziert worden ist.

Ja, ich weiß. Ich bin merkwürdig. Was soll ich machen?

Innenansicht der prächtigen Kirche von Hellmonsödt, an welche die Gruftkapelle angebaut ist.
Innenansicht der prächtigen Kirche von Hellmonsödt, an welche die Gruftkapelle angebaut ist.

Eines ist klar: Ein Kind, das in jenem zarten Alter das Zeitliche segnen musste, war offensichtlich einer Krankheit zu Opfer gefallen. Das allein war nicht ungewöhnlich für die damalige Zeit. Die Säuglingssterblichkeit in Europa war unvergleichlich höher als heute. Mangelernährung, Seuchen, schlechte hygienische Bedingungen, all diese Faktoren werden in diesem Zusammenhang gern als Hauptursachen genannt. Und das mag auch zutreffen. Zumindest in den ärmeren Bevölkerungsschichten. Doch das war nicht der Grund für den frühen Tod des Starhemberg-Sprösslings. Vor allem nicht Mangelernährung. Nein. Im Gegenteil: Der Säugling war recht wohlgenährt, um es freundlich auszudrücken. Das Team von Prof. Nerlich entdeckte deutliche Speckfalten an seinen Oberschenkeln und außergewöhnlich viel Bauchfett.

Dass das der Gesundheit eines Kindes eher abträglich ist, weiß man mittlerweile ja. Immerhin sind die modernen Zivilisationskrankheiten nicht zuletzt übermäßiger oder zu kalorienreicher Ernährung zuzuschreiben. Für die Forscherinnen und Forscher war die Fettleibigkeit des kleinen Adeligen aber ein Glücksfall: Die dicke Fettschicht wirkte wie eine Schutzhülle, die gemeinsam mit dem sofortigen Luftabschluss nach der Beisetzung für eine regelrechte Mumifizierung sorgte. Unter sauerstoffarmen, feuchten Bedingungen kann es passieren, dass Fettgewebe in ein Gemenge aus Glycerin und Fettsäuren zerfällt und anschließend verhärtet. Baby im Speckmantel sozusagen. Okay, das war jetzt pietätlos.

Zurück zu den Fakten:

Mittels CT-Scans untersuchte das Team von Prof. Nerlich in 600 Schichten die Strukturen des kleinen Körpers. Wie ich bereits erwähnt habe, erkannte man dabei das starke Übergewicht des Kindes, das auf eine extrem üppige Ernährung schließen ließ. Doch die Knochen des Leichnams boten ein ganz anderes Bild: An den Rippen des Säuglings zeigte sich ein so genannter "Rachitischer Rosenkranz". Das sind Verdickungen an der Grenze von Rippen und Brustbein. Das ließ auf eine ausgeprägte Mangelversorgung schließen. Und zwar eine Mangelversorgung mit dem für unser aller Gesundheit wichtigen Vitamin D. Ja, das ist jenes Vitamin, das zum Beispiel dafür verantwortlich ist, dass genug Mineralien in den Knochen eingelagert werden können, damit diese fest genug werden. Ein Vitamin-D-Mangel führt zu Rachitis. Und Rachitis äußert sich unter anderem in deformierten Beinknochen, zu regelrechten O-Beinen, wie viele Hörerinnen und Hörer sicher wissen.

Das Starhemberg-Baby hatte allerdings vollkommen gerade Beinchen. Keinerlei Missbildung. Auf der einen Seite also ein Vitaminmangel trotz eindeutig reichhaltiger Ernährung, andererseits ein durch eben diesen Vitaminmangel verursachtes Leiden ohne das augenscheinlichste Symptom jener Krankheit. Zwei Widersprüche. Zwei Merkwürdigkeiten. Auf den ersten Blick ein Geheimnis. Wie war das möglich?

Krippendarstellung aus der Renaissance von Bicci di Lorenzo
Krippendarstellung aus der Renaissance von Bicci di Lorenzo

Das Rätsel um die merkwürdigerweise geraden Beine des rachitischen Buben konnte in diesem Fall – wie so oft – nur durch eine interdisziplinäre Betrachtung gelöst werden: Medizin als auch Geschichtswissenschaft waren gleichermaßen dafür nötig.

Professor Nerlich und sein Team vermuteten, dass der kleine Adelige noch kaum gekrabbelt, geschweige denn gegangen sein dürfte. Das bedingte, dass seine krankhaft weichen Knochen auch noch kein nennenswertes Gewicht tragen mussten. Doch wie kam das? Als Vater von fünf Kindern weiß ich, dass Babys im Alter zwischen zehn und achtzehn Monaten üblicherweise sehr mobil sind. Vier- wie zweibeinig. Warum hätte das bei dem kleinen Grafen Starhemberg anders sein sollen? Darauf liefern Historikerinnen und Historiker in zahlreichen Arbeiten ein schlüssiges Argument: Säuglinge wurden über weite Strecken der Menschheitsgeschichte hinweg anders behandelt, als man das (zumindest in den Industrienationen westlicher Prägung) heutzutage tut.

Aus unzähligen Bildnissen – zum Beispiel christlichen Krippendarstellungen – wissen wir, dass Babys früher fest in Tücher eingeschlagen, ja regelrecht einbandagiert wurden. Diese Praxis wird als Fatschen bezeichnet und war bis ins ausgehende Barock (und in ländlichen Gebieten oft noch darüber hinaus) durchaus üblich. Übrigens: Unser Wort Fasche, also eine elastische Binde zum Umwickeln verletzter Gliedmaßen, verweist heute noch darauf.

Die Beine wurden dabei in eine gestreckte Haltung gebracht, die Arme lagen seitlich am Körper an und wurden in dieser Stellung fixiert. Somit wurde nicht nur sämtliche Belastung vom Stützapparat genommen, sondern auch ein gerades Knochenwachstum quasi erzwungen. Für das rachitische Kind, das heute in der Gruft von Hellmonsödt liegt, ein wahrer Segen. Allerdings einer, der es schlussendlich auch nicht vor dem Tod bewahren konnte. Einem Tod, der von seiner Familie aktiv – wenn auch nicht vorsätzlich – herbeigeführt worden war.

Der kleine Graf Starhemberg wurde ein Opfer seiner hochwohlgeborenen Herkunft.

Allerdings bin ich dir, liebe Leserin oder lieber Leser, noch die Auflösung des zweiten Geheimnisses schuldig – nämlich der Frage, warum der kleine Bub trotz offensichtlich mehr als ausreichender Ernährung unter einem eklatanten Vitamin-D-Mangel litt. Wer im Biologieunterricht gut aufgepasst hat, der weiß, dass dieses Vitamin in der Nahrung nur sehr spärlich vorhanden ist, maximal in Fischöl (ja, zum Beispiel dem allseits beliebten Lebertran), in manchen Pilzen und in Eigelb. Den größten Anteil muss unser Körper mit Hilfe von Sonnenlicht selbst herstellen. Der junge Graf Starhemberg hatte jedoch das Pech, in eine Familie geboren zu werden, der immens wichtig war, sich wortwörtlich schon auf den ersten Blick vom Pöbel abzusetzen – und zwar durch die sprichwörtliche noble Blässe. Gebräunte Haut war unfein, diese hatten nur jene, die ihr tägliches Brot im Schweiße ihres Angesichts unter freiem Himmel verdienen mussten. Einem Adeligen hingegen – und sei er noch so jung – musste man vor vier Jahrhunderten die hohe Abstammung sofort an seiner blassen Haut ansehen. Krumme Beine konnte man da in Kauf nehmen, halb so schlimm, Geld machte ohnehin auch damals schon schön.

Doch das war nicht alles:

Das Team um Professor Nerlich untersuchte die kleine Mumie, wie bereits erwähnt, auch mit einer Computertomographie. Dabei fand man Hinweise auf eine Lungenentzündung, die wahrscheinlich zum Tod des Kindes geführt hatte. Und nun folgt das wirklich Dramatische an der Geschichte: Erst in letzter Zeit haben wissenschaftliche Studien gezeigt, dass Kinder mit Rachitis deutlich anfälliger für Lungenentzündungen sind. Somit hatten die Standesdünkel seiner Eltern das Leben ihres Kindes abrupt beendet: Fettgefüttert, mit viel zu weichen Knochen und einem geschwächten Immunsystem erstickte der junge Graf Starhemberg wahrscheinlich qualvoll. Vielleicht aber erlag er auch einer durch die Lungenentzündung ausgelösten Blutvergiftung, die zu einem Multiorganversagen führte. Ganz ehrlich: Ob dies die angenehmere Todesart ist, kann und will ich nicht beurteilen.

Dass man ihm bei seiner Grablegung auch noch den kleinen Schädel zerdrückte, weil der Sarg zu eng bemessen war, ist noch ein weiterer trauriger Umstand in der viel zu kurzen Biografie dieses armen, reichen Kindes.

Bevor ich ins Auto steige, blicke ich noch einmal zurück auf die altehrwürdige Kirche von Hellmonsödt. Sie liegt ungerührt im Februarsonnenschein. Kein Wunder: In all den Jahrhunderten hat sie schon jedes erdenkliche Wetter über sich ergehen lassen. Ebenso, wie sie die Schicksale der verschiedensten Menschen mitangesehen hat: die von alten, die von jungen, die von noblen Herrschaften und die des einfachen Volks. Im Laufe der Zeit haben ihre Besucherinnen und Besucher verschiedene Kleidung getragen, verschiedene Frisuren, verschiedene Umgangsformen an den Tag gelegt und eine sich stetig wandelnde Sprache gesprochen. Moden kommen und Moden gehen. Wichtig wäre nur, dass eine Mode nicht gesundheitsgefährdend oder gar tödlich wird.

So wie im Fall des Kindes in der Gruft jener Kirche.

Gute Nacht, junger Graf.