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Unfröhliche Kinder

Das Tal ist still und der Wald blickt dunkel von den Anhöhen herab. Verwaiste Nebelfetzen hängen auf der Durchreise zwischen den Baumwipfeln fest. Als ob er das Sonnenlicht absichtlich aussperren wollte, wölbt sich über all das der lückenlose Eishimmel.

 

Ein nasskalter Felskegel flankiert die schmale Straße, die den Felbringbach durch jenes Tal begleitet. Herbstlich rotbraun ist er, größtenteils vom Schnee entblößt, moosbewachsen und sich selbst überlassen. Bekrönt wird dieser Hügel von den Resten einer uralten Festung, in deren Zentrum der Turm einer verfallenen Kirche wie ein mahnend erhobener Zeigefinger in den Himmel weist. Leere Fensterhöhlen starren in verschiedene Richtungen, als könnten sie noch immer Wacht über das Tal halten, obwohl sie doch schon seit langer Zeit blind und nutzlos sind.

 

Ich parke mein Auto im Schneematsch zu Füßen dieses "Burgkircherls", wie es ganz offiziell genannt wird, und gehe die wenigen Schritte seitlich an dem Felskegel entlang zum Eingang des Areals, immer den spitzen Kirchturm vor Augen. Dabei ziehe ich meine Kappe ein wenig tiefer ins Gesicht, um die nun wieder dichter tanzenden Schneeflocken nicht in die Augen zu bekommen.

Immerhin will ich sehen. Sehen, was einmal gewesen ist, sehen, was jene kleine Kirche zur großen Hoffnung verzweifelter Eltern gemacht hat, sehen, was heute eigentlich unsichtbar ist.

Bald schon stehe ich auf dem Gipfel des Felskegels, mitten in den Mauern, die trotz des Umstands, dass sie nur mehr die letzten Fragmente einer ehemals wohl beeindruckenden Anlage sind, noch immer die einstige Würde des Ortes erahnen lassen.

Die Geschichte des "Burgkircherls" ist schnell erzählt:

Vor etwa 1000 Jahren errichtete man auf dem Felsen, der in das Tal des Felbringbaches ragt, eine kleine Wehranlage, die wahrscheinlich die Aufgabe hatte, einen hier vorbeiführenden Weg von der Donau ins heutige Waldviertel zu sichern. Jenes "Viertel ober dem Manhartsberg" wurde damals gerade planmäßig erschlossen, eine Verbindung in zivilisiertere Gebiete war also durchaus notwendig und dementsprechend schützenswert. Die ursprüngliche Burgkapelle der Festung, die dem heiligen Pankratius geweiht war, entwickelte sich aber mit der Zeit zu einem beliebten Wallfahrtsort und musste daher mehr und mehr ausgebaut werden. Zum Beispiel wurde der heute noch erhaltene Turm auf dem höchsten Felsen der Erhebung errichtet. Zur Zeit der Reformation, also im 16. und 17. Jahrhundert, verebbte der Wallfahrerstrom und die Kirche wurde wieder verkleinert, ja, sie verfiel sogar zusehends.

Still und stiller wurde es auf dem Hügel. Immer einsamer standen die Mauern, der Unbill des Wetters ausgeliefert, und träumten von ehemals ruhmreichen Zeiten.

Und doch pilgerten nach wie vor Menschen auf den Hügel. Nicht unbedingt, um den immer seltener werdenden Festmessen in der mehr und mehr verfallenden Kirche beizuwohnen, sondern aus einem anderen, einem traurigen Grund.

Einem Grund, der in der Weltsicht der Menschen wurzelte. Einer zutiefst christlich geprägten Weltsicht. Einer Weltsicht, die ganz auf das Jenseits ausgerichtet war - jenem Ort, in dem man in der Gegenwart Gottes geborgen bis in alle Ewigkeit glücklich existieren durfte. Zumindest unter bestimmten Bedingungen. Und die Grundbedingung bestand darin, dass man Christ war.

Christ wiederum wurde man erst durch die Taufe.

 

Was aber, wenn zu einer solchen Zeremonie keine Zeit mehr war? Was, wenn das Leben verlöschte, bevor es noch wirklich begonnen hatte? Was, wenn ein Kind vor, bei oder knapp nach der Geburt starb? Zu einer Zeit, in der das medizinische Wissen im Vergleich zu heute erbärmlich gering und die Lebensumstände der Menschen teilweise unvorstellbar hart waren, keine Seltenheit.
Aufzeichnungen belegen, dass die Säuglingssterblichkeit im Mittelalter, der Neuzeit und noch bis hinein ins 19. Jahrhundert bei etwa fünfzig Prozent, teilweise sogar deutlich darüber, lag. Anders ausgedrückt: Nur etwa die Hälfte der Kinder überlebte die Geburt oder die ersten Lebensmonate. Die Säuglinge wurden früher für gewöhnlich im Alter von einer Woche getauft, um sie von der Erbschuld reinzuwaschen und sie in die Gemeinschaft der Christen aufzunehmen. Das war für ihr Seelenheil - wie bereits erwähnt - unumgänglich.  Ungetauften Kindern war die Aufnahme in den Himmel verwehrt. Sie mussten in einer Art Vorhölle verharren, dem "Limbus puerorum", manchmal auch "Limbus infantium" genannt.

Ein Schicksal, das die Eltern auf alle Fälle zu verhindern trachteten.

Doch wie?

Reisen wir am besten gedanklich in eine Herbstnacht vor etwa dreihundert Jahren zurück.

Eine Gestalt wandert schweigend durch das Tal. Ein Schatten in den Schatten. Es ist so dunkel, dass man das Murmeln des Felbringbaches fast unwirklich laut hören muss. Angestrengt versucht die Gestalt zu verstehen, was ihr das Wasser zuraunt: Ist es eine Aufmunterung? Ist es eine Warnung? Ein Mann ist es, der da den Weg neben dem Bach entlanggeht. Er hat eine prall gefüllte Tasche umgehängt, seine Rechte umklammert einen kurzen Spaten. Schritt für Schritt nähert er sich dem Ziel seiner Wanderung: einem Felsen, der auf seinem Gipfel die alte Wallfahrtskirche Sankt Pankratius trägt. Die Hoffnung treibt den Mann durch die Nacht. Und die Angst um sein Kind.

Schon steigt er höher, dem Gotteshaus zu, das einsam und teilnahmslos über ihm aufragt. Das spitze Dach des Kirchturms ist vom Schwarz des Himmels kaum zu unterscheiden, so wenig Licht sendet die schmale Mondsichel auf die Erde herab.

Der Mann zieht den Riemen der Tasche über seinen Kopf und legt diese behutsam dicht an der Mauer des Turms auf den Boden. Dann setzt er den Spaten an und will das schmiedeeiserne Blatt in den Boden stoßen - doch es geht nicht. Die Schneide kommt gerade einmal drei Finger breit in die Erde, dann leistet der Fels, der die Kirche trägt, Widerstand. Als ob Petrus selbst die Pforte zum Himmelreich verschlossen hätte. Leise schüttelt er den Kopf, dann versucht der Mann knapp daneben noch einmal den Spaten in die Erde zu senken. Wieder scheitert er. Kurz wandert sein Blick zu der dunklen Masse der Tasche, die wenige Schritte von ihm entfernt an der Mauer liegt. Nein, er darf nicht aufgeben. Zu viel hängt von seinem Erfolg ab. Er geht ein weiteres Stück zur Seite, dann stößt er erneut den Spaten in den Boden. Diesmal jedoch fühlt es sich anders an, weniger abweisend. Prüfend schaut der Mann den  Kirchturm hoch: Ja, das wäre ein guter Platz, das Wasser würde bei Regen genau hier vom Dach auf den Boden rinnen. Er lächelt. Das erste Mal, seit er mit seiner traurigen Last aus dem Dorf losgegangen ist.

Bald hat er eine kleine Grube ausgehoben, neben die er nun die Tasche legt. Dann hebt er vorsichtig den reglosen Körper seines neugeborenen Sohnes heraus. Zart legt er die Wange an die winzige Nase des Kindes. Nein. Es atmet nicht. Es hat nie geatmet. Nicht, als es am Abend zur Welt gekommen ist, nicht, als seine Frau es an ihre fieberheiße Brust gelegt hat, nicht, als man es aus der Stube getragen und ihm schweigend in die Hände gedrückt hat. Dann ist er in die Dunkelheit aufgebrochen, die Tasche mit dem kleinen Körper an seiner Seite, den Spaten in der Hand.

Der Mann schlägt den zerbrechlichen Leichnam in ein Tuch. Während er ihn in die kleine Grube legt, flüstert er: "Wir sehen uns im Himmel, Jakob". Ja, das soll sein Name sein. Jakob. Ein guter Name. Das Wasser, das vom Himmel kommt, über das Haus Gottes rinnt und letztendlich den Körper seines Sohnes benetzt, wird es diesem ermöglichen, in Gottes Gegenwart auf seine Eltern zu warten. Dann häuft der Mann die ausgehobene Erde über sein Kind, wissend, dass er alles getan hat, was ein liebender Vater in so einem Fall hätte tun können.

Der Weg zurück ins Dorf ist nun ein leichterer, denn noch weiß er nicht, dass das Fieber stärker gewesen ist als seine Frau.

Heute, vielleicht dreihundert Jahre nach diesen Ereignissen, stehe ich an der Westseite des Turms und blicke hinauf. Ja, das Wasser würde wohl bei Regen hier vom Dach auf den Boden rinnen.

Unter meinen Füßen befindet sich eine dünne Schicht Erde, darunter harter Fels. Fels, der allerdings Spalten aufweist.

Als man im Jahr 1988 das Areal des Goßamer Burgkircherls archäologisch untersuchte, wurden in eben diesen Felsspalten die winzigen Knochen von - wie man bei näherer Untersuchung feststellte - 31 Früh- und Neugeborenen gefunden. Sie befanden sich in geringer Tiefe in jenen engen Felsspalten. Die offenbar liebevolle Bestattung lässt darauf schließen, dass es sich um sogenannte "Traufkinder" handelte.

 

Der Schweizer Schriftsteller Jeremias Gotthelf erklärt in seinem Roman "Leiden und Freuden eines Schulmeisters" sehr eindringlich, was man sich unter jenen "Traufkindern" vorzustellen habe:

 Je näher der Kirche man begraben werde, desto sicherer sei man vor den bösen Erdgeistern, und da ungetaufte Kinder nicht durch die Taufe vor ihnen geschützt würden, so tue man 

sie an die Kirche, um durch die Kirche selbst beschützt zu werden. Dann tue man sie ins Dachtrauf, damit sie noch hier getauft würden. Wenn nämlich der Pfarrer das Taufwasser segne, so werde alles Wasser in und an der Kirche zu 

Taufwasser (das heißt, der Heilige Geist komme in dasselbe), sodass, wenn es einmal stark regne zu selber Zeit, so werde auch Regenwasser auf dem Dach Taufwasser, und wenn es nun hinunterrinne und bis zu dem Kinde dringe, so werde das Kind im Boden so gütig und gültig getauft als das Kind in der Kirche.

Die genauere Untersuchung der Knochen ergab, dass etwa die Hälfte der Bestatteten noch vor ihrer Geburt gestorben war, zwei von ihnen sogar schon im siebenten oder achten Schwangerschaftsmonat. Die anderen hatten wohl die Geburt selbst nicht überlebt oder waren kurz darauf verschieden.

 

Gefunden hatte man die kleinen Skelette an der West- und Südwand des Turms sowie an der Westfassade des Seitenschiffes.

Und nein, dort hatte es nie einen Friedhof gegeben. Die einstige Burgkapelle Sankt Pankratius hatte zu keiner Zeit den Status einer Pfarrkirche - und nur als solche hätte die Möglichkeit bestanden, in ihrem Schatten einen geweihten Gottesacker anzulegen.

Die Bestattungen der Früh- und Neugeborenen waren also höchstwahrscheinlich unsanktioniert erfolgt. Sie waren der verzweifelte Versuch der Eltern, ihrem somit "unfröhlichen" Kind eine gottesferne Existenz in einer erschreckenden Vorhölle zu ersparen.

Wer jetzt allerdings meint, dass das Burgkircherl von Goßam ein skurriler Einzelfall ist, dass also jene Art der postumen Taufe eine Wachauer Spezialität darstellt, der irrt.

Hier folgt nur eines von vielen Beispielen, das die Dimension jenes Brauchs illustrieren soll:

Entlang der Dachlinie der Jakobskirche im 19. Wiener Gemeindebezirk wurden die Knochen von 430 kleinen Kindern gefunden. Genau wie die Burgkapelle in Goßam hatte auch die Jakobskirche kein Bestattungsrecht inne. Es handelte sich also eindeutig nicht um einen offiziellen Friedhof, sondern um eine riesige Anzahl von "Traufkindern". Der einzige Unterschied zu den Funden in der Wachau war der, dass etwa die Hälfte der Bestatteten nicht schon bei der Geburt, sondern später verstorben war. Das Alter der Kinder betrug bis zu sieben Jahre. Eine mögliche Erklärung wäre, dass hier auch uneheliche Kinder bestattet wurden, die auf keinem offiziellen Friedhof beerdigt werden durften.

 

Ich vermute, dass bei Grabungen entlang der Trauflinie vieler alter Dorfkirchen Kinderskelette zu finden wären. Zumindest, falls diese nicht schon  bei Sanierungs- oder Straßenbauarbeiten vernichtet worden sind.

Doch wie auch immer, unter unseren Füßen schlummert einiges in der Erde, das wir dort nicht vermuten würden. So manches, das uns über das Leben, aber vor allem über das Denken der Menschen in früheren Zeiten Aufschluss geben kann.

 

Wer die besondere Atmosphäre des Goßamer Burgkircherls erleben möchte, der findet es hier. Es ist definitiv einen Abstecher wert, wenn man der klassischen Wachauer Sehenswürdigkeiten überdrüssig, aber trotzdem in der Gegend ist.

Und bitte nicht vergessen, eine kurze Andachtsminute für die unfröhlichen Kinder zu halten.

Vielleicht werden sie dann zumindest ein wenig fröhlicher.