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Die Geister, die ich rief

“I want to believe.” Viele Leserinnen und Leser können sich vielleicht noch an das Poster erinnern, das FBI-Agent Fox Mulder in der Fernsehserie “Akte X – die unheimlichen Fälle des FBI” in seinem Büro hängen hat. Als Ausdruck seines Weltbildes zeigt es ein klassisch scheibenförmiges UFO und eben jenen Satz. Was allerdings die schrullig-liebenswerte, immer ein wenig melancholisch wirkende Figur dieses Beamten in der bunten Fernsehwelt so sympathisch macht, kann in der Realität durchaus für Kopfschütteln sorgen. Zumindest bei mir. 

In den Weiten des Internets treiben sich bekannterweise unzählige Leute mit teilweise mehr als kruden Weltbildern herum. Ganz egal, ob es sich um Anhänger diverser Verschwörungstheorien handelt, politische Extremisten aller denkbaren Couleur oder Jünger verschiedenster esoterischer Glaubensrichtungen – sie alle können auf diesem riesigen Marktplatz der Ideen ihre Gedanken ungefiltert und ungeprüft ins Scheinwerferlicht rücken. Und das tun sie auch. Je abstruser das Konstrukt, desto schriller und lauter die Darlegung desselben. 

 

Ein Beispiel hierfür sind etwa die Anhängerinnen und Anhänger des nach wie vor fröhliche Urstände feiernden Spiritismus. Zwar firmiert er kaum mehr unter diesem ziemlich antiquierten Namen, hat sich aber als Glaubensgebäude diverser selbsternannter Medien, Ghosthunter-Gruppen und ähnlicher “Spezialisten” einen Fixplatz im Olymp der esoterischen Glaubenswelten gesichert. Ganz egal, welches auf den ersten Blick unerklärliche Vorkommnis auftritt, automatisch sind Geister (unter Umständen sogar Dämonen) die Verursacher. Abhilfe schaffen dann natürlich nur Räucherrituale, Weihwasser, Gebete und so weiter. Und das alles im dritten Jahrtausend nach Christi Geburt. 

Wer mich persönlich - oder zumindest meine Texte – kennt, der weiß, dass ich eine große Vorliebe für die dunklen Bereiche unserer Existenz habe. Sagen, Mythen, ungelöste Rätsel, finstere Geheimnisse, all das sind Themen, die mich faszinieren, die meine Neugier entfachen und mir als Inspiration für Geschichten oder Bilder dienen. Ohne all das wäre unsere Existenz bedeutungslos, wir wären nach Schema F funktionierende biologische Systeme, die lediglich Selbst- und Arterhaltung als Lebenszweck verfolgten. Auch mein geliebtes Waldviertel wurde und wird ja gerne als mystisch beworben. Und das nicht einmal ganz zu Unrecht. Andererseits: Neben Transzendenz, Kunst und Mythologie darf man nicht vergessen, dass wir auch einen durchaus scharfen Logos unser Eigen nennen. Zumindest manche von uns. Und dieser Logos ist es, der uns antreibt, unsere Umwelt zu verstehen – gerade die Bereiche, die bis dato für uns unverständlich sind. Ihm verdanken wir sämtliche Erkenntnisse der Naturwissenschaften, seien das nun das heliozentrische Weltbild, die Gesetze der Vererbungslehre, die Funktionsweise der Elektrik und vieles mehr. Ebenso wichtig und richtig ist es aber, auch im geisteswissenschaftlichen Bereich akkurates akademisches Arbeiten zur Grundlage neuer Erkenntnisse zu machen. 

 

Beobachtung, Aufstellung einer Theorie und Überprüfung derselben im Experiment sind in allen Bereichen der Wissenserweiterung nicht nur bewährte, sondern meines Erachtens unerlässliche Bestandteile geistigen Fortschritts. Schon seit Jahrzehnten bemühen sich Wissenschaftler verschiedener Disziplinen, auch bisher von Aberglauben und uralter Scheu überwucherte Phänomene mit wissenschaftlichen Methoden in das Gesamtkonzept der Welt zu stellen. In Jahrzehnten mühevoller wissenschaftlicher Arbeit konnten so im Bereich der Parapsychologie durchaus beachtliche Erfolge erzielt werden – nicht von gelangweilten Langzeitarbeitslosen, nicht von pubertierenden Schulabbrechern und nicht von ungenügend alphabetisierten YouTube-Influencern, sondern von universitär ausgebildeten Forschern. Physiker, Psychologen, Biologen, Mediziner und viele mehr befassten sich mit jenen Erscheinungen, die oft und gerne dem Reich des Übernatürlichen zugerechnet werden. 

Ebenso, wie jedoch eindeutige, empirisch nachweisbare Erkenntnisse der Medizin nicht von jedermann akzeptiert werden wollen, so sperren sich auch so manche (weibliche wie männliche) Zeitgenossen gegen Zusammenhänge, die mittlerweile in jenem Bereich als quasi unbestritten gelten. Auch wenn seit vielen Jahren der Zusammenhang zwischen psychischen Belastungen und Spukerscheinungen (ganz besonders so genannten Poltergeistphänomenen) bekannt ist, beharren viele Menschen beispielsweise in sozialen Medien und Onlineforen hartnäckig darauf, dass sie von den Geistern Verstorbener heimgesucht würden. Sie sperren sich gegen jedes logische Argument, nur um ihr – rein auf kindlichem Aberglauben fußendes - Weltbild nicht aufgeben zu müssen. 

Interessant finde ich in dem Zusammenhang ganz besonders die Frage, warum jene Leute so vehement auf einer Vorstellung der Welt beharren, die zwar Jahrtausende alt ist, deswegen aber noch lange nicht richtig sein muss. Immerhin hat sich mittlerweile sogar das babylonische Weltbild als nicht ganz korrekt herumgesprochen. Warum aber gilt das nicht auch für andere Erklärungsmodelle, die etwa aus derselben Zeit stammen? Haben die krampfhaft Geistergläubigen vielleicht Angst, durch ein rationaleres Erklärungsmodell als Person an Bedeutung zu verlieren? Reduziert es eventuell ihr Selbstbild? Müssten sie sich eingestehen, dass sie selbst schuld an dem Unangenehmen sind, das ihnen widerfährt? Natürlich ist es schmeichelhafter, von übernatürlichen Wesenheiten wahrgenommen und verfolgt zu werden. Natürlich ist es angenehmer, nicht selbst die Verantwortung für erschreckende Spukerscheinungen zu tragen, sondern sich als Opfer zu sehen. So kann man im Mittelpunkt stehen, sich bemitleiden lassen, länger und intensiver Aufmerksamkeit bekommen. Vom Zutreffen dieses Erklärungsmodells wiederum bin ich überzeugt - auch wenn es zutiefst primitiv ist. Allerdings auch zutiefst menschlich. 

Wer einen kleinen Einblick in den momentanen Stand der einschlägigen Forschung bekommen möchte, dem empfehle ich folgendes interessante Interview mit DDr. Walter von Lucadou, dem führenden Parapsychologen im deutschsprachigen Raum. Einfach Zeit nehmen, ansehen, zum Nachdenken anregen lassen.