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Flüchtig

Zeit. Vergangenheit. Gegenwart. Zukunft.

Je älter ich werde, desto mehr schaue ich zurück. Natürlich, denn mittlerweile gibt es da ja so einiges zu sehen. Ein Achtzehnjähriger tut sich damit schwer, ein Achtzigjähriger leicht, so er denn überhaupt Rückschau halten möchte.

Doch ein Spaziergang wie der, den ich kürzlich um die Drosendorfer Stadtmauer unternehmen durfte, vertieft jene Erfahrung noch. Man sieht ein eigentlich anachronistisches Bollwerk, viele hundert Jahre alt, das durch Zufall oder Glück (beides unzureichende Begriffe, die Umstände ausdrücken, welche genaugenommen gar nicht existieren) in meine Gegenwart herübergerettet werden konnte. Ja, ich weiß schon, es wäre üblich, „unsere Gegenwart“ zu schreiben, aber haben wir – Sie und ich, liebe Leserin oder lieber Leser – denn eine gemeinsame? Ich denke nicht. Ihre und meine überlappen sich lediglich, fließen nebeneinander her, schwappen aber nie ineinander, zu sehr sind sie an unsere höchstpersönlichen Geschichten gebunden.

Wie bereits geschrieben, da stand ich nun vor der Stadtmauer Drosendorfs, konnte auf strategisch gut positionierten Schautafeln die wichtigsten Informationen über das Bauwerk lesen und fühlte mich flüchtig. Nicht in dem Sinne, dass ich vor jemandem oder etwas hätte fliehen müssen. Nein, ich fühlte mich flüchtig wie die Gerüche, die in der Frühlingsluft lagen, wie die kräftigen Farben, die die erwachenden Pflanzen zum Strahlen brachten.

Ich stand dort vor den steinernen Bastionen, die als kriegerische Zweckbauten konstruiert worden waren, nicht etwa deswegen, um mein Auge zu erfreuen.

Viele Menschen waren vor mir an ihnen entlanggegangen, -gelaufen, wohl auch -gekrochen.

In Kriegszeiten hatten diese Steine Grausamkeiten gesehen, in Friedenszeiten Belanglosigkeiten. In ihrem Schatten waren so unbedeutende Menschen wie ich unter Qualen für die Machtgier weit entfernter Führer gestorben, man hatte sich dort verliebt, gestritten, man hatte gelacht und geweint.

Und in jenem bestimmten Moment stand also ich dort.

Es war mir nicht möglich, die Geister der Vergangenheit zu spüren, zu sehr befand ich mich in meiner Gegenwart. Vielleicht hätte ich träumen müssen, um wacher zu sein, um mehr zu erfahren, um staunen zu können. So aber genoss ich nur das Jetzt, mein Jetzt.

Ich wusste, dass das Drosendorfer Schloss eine wichtige Rolle im Leben des Johann Georg Grasel gespielt hatte, jenes Grasel, dessen Biografie ich so genau studiert hatte – und doch antwortete er nicht, als meine neugierigen Blicke die Mauern des Gebäudes nach seiner Anwesenheit absuchten. Er blieb stumm wie alle anderen Menschen, deren Schicksale hier um mich herum entschieden worden waren oder die dort zumindest eine andere Abzweigung in ihrem Leben genommen hatten, absichtlich oder auch nicht. 

Da wurde mir deutlich bewusst, was ich im täglichen Leben immer wieder von mir fortgeschoben hatte und auch wohl weiterhin fortschieben werde:

Mein Dasein ist nicht nur begrenzt, es ist vollkommen belanglos. Es stört die Mauern nicht, wenn ich vor ihnen stehe, aber es erfreut sie auch nicht. Sie sind einfach blind, taub, gefühllos und lange, lange Zeit präsent.

Alles, was mich ausmacht, entsteht in mir, lebt in mir und stirbt sehr bald auch mit mir. Dafür aber kann ich fühlen, erschaffen, zerstören, lieben und hassen.

Ich bin also das exakte Gegenteil von Drosendorfs Stadtmauer.

Endlich, aber lebendig.

Danke dafür.