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Teufelsmusik

Es ist nicht der erste heiße Sommer in den letzten Jahren. Die Dürre, die momentan allerdings das nördliche Waldviertel heimsucht, scheint beispiellos. Die Futterwiesen verdorren, die Bedrohungen für die Landwirte sind immens. In Wien reifen die Bananen.

Öffnen sich also die Pforten der Hölle Stück für Stück? Fast scheint es so.

Und doch ist es nur die immer deutlicher zutage tretende Klimakatastrophe, die beginnt, sichtbar zu werden. Kein dämonischer Höllenfürst versucht, die Menschheit ins Chaos zu stürzen. Das erledigt sie ganz alleine.

 

In früheren Zeiten, ja, da konnte man sich noch besten Gewissens auf den Teufel ausreden. Selbst war man durchaus gut, stets bestrebt, nach Gottes Willen zu leben. Die Ideen, die einem der Versucher allerdings unablässig ins innere Ohr flüsterte, waren unerhört, eines Christenmenschen nicht würdig. Man fürchtete diesen gefallenen Engel, der einen Tag für Tag dazu bringen wollte, sich zurückzuentwickeln zu einem Wesen, das nicht über der Schöpfung stand und diese nach ihren Vorstellungen gestaltete, sondern in und aus der Natur existierte. Regelrecht barbarisch.

 

Aus genau diesem Grunde wurden die Kultplätze jener Religionen, die den Menschen noch als Teil der Schöpfung verstanden hatten, im wahrsten Sinne des Wortes verteufelt.

Ein Beispiel gefällig? Bitteschön:

 

Die Sage vom Fiedelstein besagt (in der Ultrakurzfassung), dass der Granitblock mit der auffälligen, sattelförmigen Vertiefung deswegen so merkwürdig geformt sei, da er einstmals der Sitz des Teufels war, der in manchen Nächten arglose Wanderer, die von Litschau nach Haugschlag wollten, durch hypnotisches Geigenspiel in die umliegenden Sümpfe lockte und so dem Verderben preisgab.

So bekannt, so unspektakulär.

Wenn man diese Sage allerdings unter der Lupe des Kulturhistorikers betrachtet, gibt sie einiges mehr preis, als man auf den ersten Blick vermuten würde:

 

Wie in den meisten Teufelssagen, so schwingt auch in dieser die Erinnerung an die ehemalige Bedeutung eines Platzes nach, der durch die Installierung fester Gotteshäuser aus dem religiösen Bewusstsein der Menschen getilgt werden sollte. Die beseelte Natur wurde dämonisiert, der alte Glaube der Bevölkerung durch die neuen Priester als etwas Verderben Bringendes gebrandmarkt.

Der Teufel kann hier also als reines Symbol für die sittlichen Gefahren, die durch die Verehrung der vorchristlichen Gottheiten drohen, interpretiert werden, ich denke allerdings, dass es noch eine weitere, noch einleuchtendere Erklärung für die Herkunft der Sage vom Fiedelstein gibt.

 

Den Schlüssel hierfür findet man im Baubericht der Abtei Montecassino im fernen Italien.

Sie ist das Mutterkloster des Benediktinerordens und wurde vom Ordensgründer, dem heiligen Benedikt von Nursia, im sechsten Jahrhundert an Stelle eines Apollotempels erbaut. Dabei zertrümmerte der Bauherr die alten "Götzenbilder" (also die römischen Götterstatuen) angeblich eigenhändig, die Insignien und Symbole des alten Glaubens wurden zerstört oder entfernt - die übliche Vorgehensweise in solchen Fällen und noch Jahrhunderte später unverändert in Mode.

Quelle: www.wikipedia.org
Quelle: www.wikipedia.org

Einige Jahre nach dem Tod des heiligen Benedikt verfasste ein anderer kirchlicher Würdenträger, nämlich Papst Gregor (genannt "der Große" und im dreizehnten Jahrhundert selbst heiliggesprochen) den weiter oben bereits erwähnten Baubericht. Was hierbei aber stutzig macht, ist, dass der Autor darin immer wieder darauf hinweist, wie zahlreiche Teufel versucht haben sollen, die Bauarbeiten zu stören, wie sie auf den riesigen Steinblöcken des Tempels gesessen seien und nichts unversucht gelassen hätten, den Umbau der alten Anlage in ein christliches Kloster zu verhindern.

 

Lebte Gregor hierbei seine Fabulierkunst aus? Ging die Fantasie mit ihm durch? Wollte er einfache Gemüter durch die Schilderung von übernatürlichen Wesen beeindrucken?

Ich denke nicht. Wer die Biografie dieses Mannes näher betrachtet, weiß, dass er alles andere als ein Mystiker war: Bereits Gregors Vater war hoher Beamter der Stadt Rom und auch der Sohn folgte anfangs der Familientradition und ging nach einer rhetorischen und juristischen Ausbildung zunächst einer durchaus weltlichen Politikerkarriere nach, die ihn bis in die höchsten Ämter führte. Erst später wechselte er den Dienstgeber und startete in der Kirche noch einmal voll durch - eben wiederum bis ganz nach oben. Das Verfassen von Fantasygeschichten passt so gar nicht zu einem Mann wie Papst Gregor.

 

Ich bin überzeugt, dass mit den Teufeln keine übernatürlichen Dämonengestalten gemeint waren - er schrieb von Menschen aus Fleisch und Blut, allerdings solchen, die noch der alten Religion anhingen. Selbstverständlich setzten diese alles daran, das Heiligtum, in dem schon ihre Vorväter gebetet hatten, nicht entweihen zu lassen.

Quelle: www.ennstalwiki.at
Quelle: www.ennstalwiki.at

Auch die Sage vom Fiedelstein birgt meines Erachtens nach eindeutig die Erinnerung an eine Zeit in sich, in welcher an jener Stelle (von ganz normalen Menschen) Feiern zu Ehren vorchristlicher Gottheiten abgehalten wurden. Musik war wohl in diesen - wie in allen Religionen - ein wichtiges Element der Kulthandlungen.

Die Bezeichnung "Teufelsgeige" für ein urtümliches Streich- und Lärminstrument, das bis heute bei Veranstaltungen wie Perchtenläufen und Fastnachtsumzügen verwendet wird, die ganz offen auf vorchristliches Brauchtum zurückgehen, könnte somit durchaus auch ein Hinweis auf die ehemalige Funktion jenes Platzes oberhalb von Hörmanns sein.

 

Singen, Musizieren, Tanzen, Feuersprünge, Essen, Trinken, sexuelle Handlungen, all das waren einmal Bestandteile religiöser Zeremonien in vorchristlicher Zeit, die an einsamen Orten außerhalb von Ansiedlungen, auf markanten Anhöhen oder bei bemerkenswerten Steinformationen stattfanden. Mit dem Erstarken des Christentums konnten die Erinnerungen an jene Feierlichkeiten zwar nicht ausgelöscht werden, doch man transformierte sie von etwas Heiligem in etwas Unheiliges.

Der ehemals wohl geweihte Bezirk oberhalb von Hörmanns wurde durch den Namen "Wilde Jagd" stigmatisiert.

Gottesdienste wurden zu Götzendiensten.

Priesterinnen zu Hexen.

Gläubige zu Teufeln.

 

Und der einsame Steinblock im Wald wurde zum Schauplatz einer skurrilen Geschichte, die viele eben nur für eine solche halten.