Der Großteil aller Hunderassen eignet sich zum Dogtrekking - ausgenommen vielleicht extrem witterungsempfindliche, bzw. solche, bei denen die zuchtbedingte Deformation der Anatomie ein längeres Laufen oder Gehen von vornherein nicht zulässt. Seien wir ehrlich: Manche Hunderassen werden leider seit Jahren auf „Design“ und nicht auf „Funktion“ hin gezüchtet – ein trauriges, aber auch unerschöpfliches Thema, auf welches ich hier nicht eingehen möchte, da es am eigentlichen Sinn dieses Buches vorbeigeht.

 

Viel interessanter als die Frage nach der Rasse (die ich persönlich ohnehin als ein wenig politisch unkorrekt einzustufen versucht bin, die aber – wie bereits erwähnt – unter Umständen im Hinblick auf die Leistungsfähigkeit eines Hundes nicht unwichtig sein kann) ist die Frage nach der Persönlichkeit, aber auch körperlichen Konstitution des Hundes.

Wie vor jeder Sportart muss deshalb natürlich auch abgeklärt werden, ob der einzelne Hund physisch wie psychisch wirklich für diesen Sport geeignet ist, immerhin soll er ja auch Freude am Dogtrekking haben. Die meiste Aufmerksamkeit muss hierbei mit Sicherheit folgenden Fragen gelten:

 

l        Hält mein Hund andauerndes Gehen oder Traben durch – gegebenenfalls viele Stunden?

l        Ist er bereit, seinen menschlichen Teampartner durch Zugarbeit – vor allem in schwierigem Gelände - zu unterstützen?

l        Kann er sich auf Kommandos konzentrieren und diese auch unter ungewohnten Bedingungen ausführen?

l        Schläft mein Hund – falls notwendig – auch in ungewohnter Umgebung sowie bei jeder Witterung im Freien?

 

Letztendlich haben nur wenige Hunde etwas dagegen, an der frischen Luft zu toben und zu spielen. Viele haben allerdings nach einiger Zeit genug von der Wildnis und wollen zurück in ihre vertraute (überdachte, staubgesaugte und zentralbeheizte) Umgebung. Vor allem Hunde, die ohnehin hauptsächlich im Haus oder in der Wohnung gehalten werden, können unter Umständen etwas empfindlich auf zu viel Frischluft reagieren. Und dann erst mehrere Tage in der Wildnis zu verbringen und dabei weite Distanzen zurückzulegen, liegt nicht jedem Vierbeiner – auch wenn Mutter Natur eigentlich genau das für sie vorgesehen hätte.

Gerade deshalb kann aber auch fast jeder Hund durch langsames Steigern der zurückgelegten Distanzen und durch behutsames Training an mehr und mehr Outdoor-Lifestyle gewöhnt werden (der ihm ja eigentlich im Blut liegt). Wichtig dabei ist die entspannte, aber bestimmte Präsenz des Leittieres – sprich des Menschen: Macht es dem Zweibeiner Spaß, wird auch der Vierbeiner über kurz oder lang kein Problem damit haben, seine Abenteurerseele zu entdecken.

 

Für so manchen Hund kann es geradezu therapeutische Wirkung haben, mit seinem Menschen ganz einfach weite Strecken unterwegs zu sein: Nicht selten werden Unruhe oder andere Verhaltensprobleme geringer oder verschwinden auf lange Sicht gesehen sogar ganz, wenn man das Durchstreifen der Natur mit seinem Vierbeiner als gemeinsame Beschäftigung wählt. Wichtig dabei ist allerdings, dass der Mensch während dieser „Jagdzüge“ der Anführer bleibt. Der Hund wird dadurch dann nicht nur körperlich ausgelastet, sondern es wird auch sein Bedürfnis nach Sicherheit und Regeln befriedigt – daraus kann ein ganz neues (oder besser uraltes) Verhältnis zwischen Mensch und Tier entstehen.

Oftmals sind die Hunde von Obdachlosen, die täglich notgedrungen stundenlang mit ihren Vierbeinern unterwegs sind, die ausgeglichensten Vertreter ihrer Spezies: Sie leben zwar (nach menschlichen Maßstäben gemessen) in Armut, durchstreifen in enger Kooperation mit ihrem Menschen aber ein für sie immer interessantes Revier und kommen so dem ursprünglich hündischen Lebensstil sehr nahe – was sie einfach zu glücklichen, weil natürlich gehaltenen Tieren macht.

 

Der amerikanische Long-Distance-Musher (Schlittenhundeführer) Mitch Seavey, der lange Zeit zur Elite dieses Sports gezählt hat, hält das Fehlen eines ausgeprägten Anführers (in Menschengestalt) sogar regelrecht für Tierquälerei, da für Hunde klare soziale Verhältnisse und die Chance aufs Überleben Hand in Hand gehen. Seiner Meinung nach sind Hunde seit Jahrtausenden darauf konditioniert, in klar strukturierten Gesellschaften zu leben, ihre Aufgaben und ihren klaren Platz in einem Sozialgefüge zu haben – ein Umstand, den sie dringend erfüllt sehen wollen und der bei Nichterfüllung wohl die Ursache für die meisten Verhaltensprobleme bei unseren Haushunden ist. Dogtrekking kann auch hierbei wieder zu einer Balance der Tierseele beitragen, die unter Umständen heutzutage sonst nur schwierig herzustellen ist.

Einige Fertigkeiten sollten mit dem Tier auf alle Fälle trainiert werden:

 

l        Der Hund sollte im Regelfall vorausgehen und – besonders bergauf, aber auch in der Ebene – konstant, ruckfrei und möglichst direkt in Gehrichtung ziehen. Gerade auch deshalb ist die richtige Ausrüstung wichtig, mehr dazu im betreffenden Kapitel. Große Verwirrung kann natürlich dann entstehen, wenn dem Vierbeiner über Monate oder gar Jahre hinweg mühsam das Ziehen an der Leine abgewöhnt wurde und plötzlich alles ganz anders ist. Hier wird man etwas Geduld und gezieltes Training aufwenden müssen, um über kleine, einfacher erreichbare Zwischenziele auf konstantes Ziehen (nicht auf hektisches Vorauslaufen) hinzuarbeiten. Auch in diesem Zusammenhang kommt der Ausrüstung eine Schlüsselrolle zu: Dem Hund sollte klar sein, dass am Halsband niemals gezogen wird, dies am Brustgeschirr aber erwünscht ist (man kann im Bedarfsfalle auch während der Tour die Leine je nach Notwendigkeit zeitweise hier oder da einhaken). Obwohl der Hund vorausgeht, muss aber immer klar sein, dass der Mensch in der Befehlskette ganz oben steht. Das ist schwieriger umzusetzen als beim Vorausgehen des Zweibeiners und erfordert ein bei weitem  zeitaufwändigeres Training, aber es lohnt sich: Obwohl zum Beispiel viele Schlittenhundesportler der Meinung sind, dass ein Hund, der bei Fuß gehen kann, für jede Zugarbeit verloren ist, bin ich persönlich davon überzeugt, dass der Großteil unserer Vierbeiner anhand der Führweise – Halsband oder Geschirr - sehr wohl in der Lage ist zu unterscheiden, ob gerade gezogen werden soll oder nicht. Meine (ganz durchschnittlich begabten) Hunde haben auf mein Kommando hin auch kein Problem im Geschirr bei Fuß oder sogar hinter mir zu gehen. Allerdings muss dies – wie jede Fertigkeit – regelmäßig und überlegt trainiert werden.

 

l        Beim steilen Bergabgehen ist es sogar oftmals dringend anzuraten, deutlich schonender (ganz besonders für die Kniegelenke) und vor allem bei rutschigem Untergrund wie nassem Laub, Eis oder auch Schlamm sicherer, den Hund hinter sich gehen zu lassen. Man kann hier ein eigenes Kommando einsetzen oder das übliche „Fuß“ nicht nur als Signal verwenden, den Zug von der Leine zu nehmen und neben, sondern eben hinter dem Menschen zu gehen. Auch hier sind der persönliche Geschmack und bisherige Gewohnheiten im Training ausschlaggebend. Selbstverständlich kann man seinem Hund auch beibringen, ohne oder mit geringerem Zug voranzugehen (bei der Arbeit vor dem Schlitten wird hierbei meistens das Kommando „Easy“ gegeben), meiner Erfahrung nach ist dies aber eine der schwierigsten Übungen und ich persönlich kenne eine Menge Hunde, bei denen dies trotz jahrelangen Trainings nicht ganz zuverlässig funktioniert.

 

l        Wichtig ist auch, anderen Teams ein stressfreies Überholen oder aber Überholtwerden zu ermöglichen. Weder sollte der eigene Hund sich aggressiv zeigen, noch auf Stänkereien einsteigen. Auch freundliche Begrüßungen oder Spielaufforderungen sind nicht in jeder Situation und jedem Gelände erwünscht oder möglich. Erfahrene Hunde spüren dies aber und sind in schwierigerem Gelände meist konzentriert und uns grobmotorisch relativ ungeschickten Zweibeinern gegenüber durchaus rücksichtsvoll. Prinzipiell hängt aber auch hier wieder alles an der Akzeptanz des Menschen als Anführer. Der Teampartner sollte für den Hund auf alle Fälle im Zentrum des Interesses bleiben – nicht andere Hunde, Mäuse am Wegrand, Hühner hinter einem Maschendrahtzaun etc. Natürlich aber kann und soll man dem Hund im Verlauf einer Tour die Möglichkeit und Zeit geben, auch mal kurz die Umgebung zu erkunden.

 

l        Das übliche Vorausgehen des Hundes bedingt auch das Reagieren auf Richtungskommandos: An Wegkreuzungen sollte der Hund auf Zuruf korrekt abbiegen. Besonders wichtig ist diese Fertigkeit, wenn man laufend unterwegs ist. Ob man dabei die im Schlittenhundesport traditionellen Kommandos „Gee!“ (rechts), „Haw!“(links), „Go!“ bzw. „Hike!“(laufen) und „Stop!“ (anhalten) respektive beliebige andere wählt, ist reine Geschmackssache. Ausschlaggebend ist lediglich eine für den Hund deutliche Unterscheidbarkeit der Wörter, regelmäßiges Training der Kommandos und die möglichst konstante Betonung derselben. Dies alles kann nicht nur beim Feierabend-Joggen, sondern sogar beim normalen Gassi-Gehen geübt werden - auch wenn einige Passanten vielleicht überrascht bis merkwürdig reagieren könnten, was einem passionierten Dogtrekker aber bei diversen Trainingseinheiten ohnehin ständig passieren wird.

 

Das Üben all dieser Fertigkeiten fordert den Hund auch bei Spaziergängen mental, macht (sofern man genug Ruhe und Souveränität besitzt) dem Menschen Spaß und bringt ungeahnte Vorteile, wenn man letztendlich wirklich mit seinem Hund am Bauchgurt, mit Gepäck und bereits vielen Kilometern in den Beinen in unwegsamem Gelände unterwegs ist. Die Lust unter diesen Bedingungen Grundsatzdiskussionen über die einzuschlagende Richtung oder die beste Methode zur Querung eines vereisten Steilhanges zu führen, ist erfahrungsgemäß nur in äußerst geringem Maße vorhanden, kostet eine Menge kostbarer Energie, dämpft bei allen Beteiligten die Stimmung  und hält auch ungemein auf.

Als Beispiel für das nur bedingte Gelingen dieses Zusammenspiels sei eine Episode angeführt, die ich beim tschechischen „Sedivacek“-Dogtrekking im Jahre 2008 erleben musste:

Am zweiten Tag des Rennens erwartete uns (den deutschen Dogtrekker Kai Thurau, seinen Hund Max sowie mich, Ronja und Chester) eine sanftwellige Landschaft in fantastisch leuchtenden Herbstfarben und gegen Mittag hin wurde es regelrecht warm und sonnig. Allerdings machte uns der Asphaltanteil des vorangegangenen Streckenabschnittes und die bereits zurückgelegten etwa 70 Wegkilometer vor dem letzten Checkpoint zu schaffen: Gelenke, Sehnen und Bänder begannen zu schmerzen, vor allem dann, wenn wir kurz stehen blieben, um unseren Weg auf der Karte oder der Wegbeschreibung zu kontrollieren. Nachdem die Muskulatur der Beine ganz allgemein schon etwas müde wurde, war es auch nicht angenehm, wenn Ronja und Chester, durch das verhältnismäßig langsame Weiterkommen gelangweilt, begannen, Feldmäuse zu jagen und ich am Bauchgurt ihren beinahe unvorhersehbaren Jagdsprüngen folgen musste. Da half nur eine etwas flottere Gangart beziehungsweise das erneute, deutliche Übernehmen der Führerrolle. In dieser Phase eines Dogtrekking-Rennens hängt das Scheitern oder Durchkommen ganz essentiell vom emotionalen Zustand des Menschen ab, der durch ständige Auseinandersetzungen über die einzuschlagende Richtung erfahrungsgemäß sehr, sehr getrübt werden kann.

 

 

Prinzipiell ist die Fähigkeit zur Zusammenarbeit meiner Meinung nach auch ein guter Gradmesser für das Verhältnis, das zwischen Zwei- und Vierbeiner herrscht: Ich bin (wie bereits gesagt) zutiefst überzeugt, dass die gemeinsame Bewegung durch unwegsames Gelände nur dann reibungslos funktioniert, wenn sich der Hund dem Menschen unterzuordnen gelernt hat und durch gemeinsames Training zu einem wertvollen Sportpartner herangewachsen ist. Umgestürzte Bäume, überschwemmte Wegabschnitte, steile Gebirgspassagen oder rutschige Abschnitte können zu einer Herausforderung werden, lange aufhalten, Nerven und Muskelschmalz kosten, zeigen aber auch sehr schnell und deutlich die Teamfähigkeit von Hund und Mensch. Hierbei muss der Vierbeiner zwar korrekt auf die Kommandos des Zweibeiners reagieren können (und auch ruhig, kooperationsbereit und auf die menschlichen Kommandos konzentriert sein), andererseits habe ich aber ebenfalls schon die Erfahrung gemacht, dass Hunde oftmals mehr Möglichkeiten zur Überwindung eines Hindernisses wahrnehmen als wir Menschen. Gegenseitige Achtung und wirkliches Teamwork sind hierbei der Schlüssel zum Erfolg – und die können nur in der Praxis geübt, nicht aus Büchern gelehrt werden.