Beinahe Stille.

Nicht einmal der feine, aber stete morgendliche Regen macht ein nennenswertes Geräusch. Lediglich das gelegentliche Schmatzen unserer Schritte auf dem schlammigen Waldweg ist zu hören. Sogar die Vögel schweigen, sie haben sich wohl nach flüchtiger Betrachtung der Wetterlage entschlossen, den Kopf wieder unter den Flügel zu stecken und noch ein bisschen zu schlafen. Wer kann es ihnen verdenken?

Uns hält die Bewegung wach und warm: Schritt um Schritt kommen wir voran, wundersamerweise nach wie vor recht zügig. 

Wir sind zu zweit: Ronja, meine Siberian Husky-Hündin trabt voraus, ich trotte in langsamem Lauf hinter ihr her, beinahe könnte man glauben, sie gäbe die Richtung an. Gelenkt wird sie durch meine leisen Kommandos, meist allerdings findet sie den richtigen Weg von ganz allein, die Spuren der Mensch-Hund-Teams vor uns sind für ihre Hundesinne überdeutlich wahrnehmbar. Ihr Fell ist genauso durchweicht wie mein Haar, das ich mit einem zum Stirnband gerollten Tuch zu bändigen versuche.

Wir sind seit dem vortägigen Morgen unterwegs, mittlerweile weit über sechzig Kilometer, unser Weg hat uns durch dichte Wälder und ländliche Siedlungen, über Schipisten, durch Städte, über Geröllhalden und um Seen geführt, trunken von der Schönheit mancher Ausblicke, die Konzentration durch so manchen schwierig zu begehenden Wegabschnitt gefordert, die Füße trotz sorgfältiger Vorbehandlung aufgerieben, die Beine müde, die Kniegelenke durch steile Abstiege strapaziert.

Wir haben die Dunkelheit der Nacht – in der man Wegmarkierungen oder Abzweigungen nur zu leicht übersieht - zu einer Schlafpause bei Minusgraden im Unterholz genützt und während unserer Tour eher beiläufig als bewusst gegessen. Das Trinken aber muss funktionieren, sonst sinkt die Leistungsgrenze rapide ab.

Manche Streckenabschnitte sind wir aufgrund ihrer Beschaffenheit gegangen, andere gelaufen, manchmal mussten wir über umgestürzte Baumriesen klettern, gelegentlich durch Bachbetten waten. Anhand einer Karte, auf der ich vorgestern Abend die Route eingezeichnet habe, und einer tschechischen Wegbeschreibung, in der ich nur manche Wörter oder maximal Wortgruppen deuten kann, arbeiten wir uns durch das Gelände vor.

 

Dreißig Kilometer liegen etwa noch vor uns, aber daran darf man nicht denken. Oder doch? Schließlich sind es ja nur mehr dreißig Kilometer, nicht einmal mehr eine Marathondistanz. Längst schon hat der Körper auf Autopilot geschaltet, die Müdigkeit und so mancher Schmerz sind unter der Bewegungsroutine begraben. Es gibt nur mehr ein Ziel: Ankommen - endlich im Basiscamp, das Start und Ziel dieser Tour durch das tschechische Erzgebirge ist, ankommen. Das Gefühl aber, wenn man durch das Ziel geht oder läuft (meistens aber humpelt beziehungsweise stolpert), das Bewusstsein, es geschafft zu haben, sowie der Triumph über den eigenen inneren Schweinehund entschädigen für alles, was die zwei Tage zuvor passiert ist. Nein, dieses Gefühl ist mehr als eine Entschädigung, es ist eine Belohnung für die letzten Streckenabschnitte, die die aufgewendete Energie um ein Vielfaches übersteigt. Man weiß in diesem Moment, dass Mensch und Hund seit Jahrtausenden zusammengehören, miteinander ums Überleben kämpfen und darin ihrer ursprünglichen Bestimmung nachkommen.

 

 Eben dieser ursprünglichen Bestimmung entspricht meiner Ansicht nach am ehesten Dogtrekking, ein Wettkampfsport, eine Herausforderung, eine Lebenseinstellung, eine Sucht – unverständlich für Viele, beinahe lebensnotwendig für Andere.

Wo aber liegt der Sinn darin? Was veranlasst im Prinzip geistig gesunde, durchaus zivilisierte Menschen dazu, tagelang mit einem oder mehreren Hunden durch großteils unwirtliche Gebiete zu streifen? Haben wir moderne Menschen ein solches Tun überhaupt notwendig? Kann dieses Negieren aller Bequemlichkeit sinnvoll sein? Kann es einen geistig oder körperlich voranbringen?

All diese Fragen kann ich nur für mich selbst beantworten:

Dogtrekking ist für mich ein immens wichtiger Teil meines Lebens geworden.

Es gibt mir die Perspektive zurück, die mich die Unwichtigkeit menschlichen Geplänkels erkennen lässt. Viele andere Sportarten verblassen daneben zu Spielen – angenehmen, gesunden, interessanten, aber letztendlich eben „nur“ Spielen in einem geschützten Rahmen, der einem nach ein paar Minuten Anstrengung die Möglichkeit bietet zu duschen, etwas Sauberes, Trockenes anzuziehen und in der Kantine eine Erfrischung zu sich zu nehmen. Dogtrekking vermittelt mir das Bewusstsein, Leistungen vollbracht zu haben, vor denen andere Menschen kopfschüttelnd zurückweichen würden – und auch ich würde das, auch ich teilte diese Einstellung, hätte ich in den vergangenen Jahren nicht viel von meinen Hunden über das Leben gelernt. Dogtrekking bringt mich näher an die Wurzeln menschlicher Existenz zurück, die im Jagen, im Sammeln und dadurch naturgemäß im Durchstreifen mehr oder minder großer Gebiete zu suchen sind. Man wird dabei sofort und kompromisslos auf das reduziert, was man wirklich ist, unabhängig davon, welche universitären Titel man tragen mag oder welche Position man in einer Firma bekleidet. Man wird zum Menschen, nicht zum Zivilisationsprodukt. Private oder berufliche Schwierigkeiten rücken nicht nur in weite Ferne, sie verschwinden geradezu in einer Gott sei Dank beinahe unzugänglichen Dimension. Man wird ohne Vorwarnung gezwungen ausschließlich im Jetzt zu leben – der Sinn des Lebens liegt nur im aktuellen Augenblick. Kurz gesagt: Man lernt, wie ein Hund zu denken, woraus eine tiefere Verbindung zwischen Mensch und Tier entstehen kann, als man sich das je hätte erträumen lassen.

Darüber hinaus gibt Dogtrekking mir die Stärke, mir selbst - und meinen Hunden - auch in Situationen zu vertrauen, die bei weitem herausfordernder sind, als das, was mich im beruflichen und privaten Alltag erwartet, und mich somit fit für die Anforderungen macht, die tagtäglich und oftmals unerwartet an mich gestellt werden.

 

Ist es ein Extremsport? Auf eine gewisse Art und Weise ja, auch wenn es nicht in die dafür üblichen Schemata passt.

Ist Dogtrekking hip, cool, angesagt, modern? Nein, mit Sicherheit nicht. Es ist und wird immer eine Beschäftigung für Individualisten, extreme Menschen und Nonkonformisten bleiben.

Dogtrekking ist Sport in seiner ursprünglichsten Form, nahe an der Wurzel aller Sportarten, der urzeitlichen Jagd. Im Unterschied zu den bekannten Extremsportarten braucht man dazu allerdings kein teures Equipment, kein stylisches Outfit, keine jährlich anders designten Modeaccessoires. Was man dazu wirklich braucht, ist ein Minimum an Ausrüstung, die bei ein bisschen Pflege großteils jahrelang hält, den Willen, sich aus dem Schutz der Zivilisation in die Natur zu begeben und das Vertrauen und die Liebe zu seinem vierbeinigen Teampartner, der einem bei diesem Sport nicht nur Begleitung, sondern auch wertvolle Hilfe sein kann. Die Chance, eine Beziehung zueinander aufzubauen, die weit über das hinausgeht, was man im Alltag voneinander erfahren kann, rechtfertigt so manche Unannehmlichkeit, die ein Outdoorsport wie Dogtrekking mit sich bringt.

Schon allein deshalb kann ich die Frage nach der Sinnhaftigkeit dieser Sportart auch nur mit einem lauten und kräftigen Ja beantworten.