Hier werden nun sogar die letzten Geheimnisse dieser Sportart gelüftet – Vorkommnisse, die man meist nicht in den offiziellen Veranstaltungsberichten liest, Hoppalas, die dem Leser deutlich vor Augen führen, dass kein Mensch-Hund-Team perfekt ist und dass jedes Rennen erneut voller tückischer Fallen steckt, die zu umgehen die vordergründigste Herausforderung für jeden Dogtrekker darstellt.

Wie bereits in den vorangegangenen Kapiteln angesprochen, zahlt man meist ausgiebig Lehrgeld, wenn man mit dieser Sportart beginnt. Der Teufel steckt hierbei im Detail. Oftmals glaubt man, dass man perfekt vorbereitet ist und einen nichts aufhalten kann – bis man erkennen muss, dass man vielleicht doch etwas mehr auf andere, erfahrenere Teilnehmer hätte hören sollen. Dies gilt in Ausrüstungsfragen natürlich genauso wie in Fragen der Krafteinteilung, Ernährung oder der Selbstmotivation. Die folgenden Anekdoten sollen dem Leser die gleichen Fehler ersparen, obwohl ich natürlich sicher bin, dass das Repertoire diesbezüglich unerschöpflich ist und jeder seine eigenen, speziellen Fauxpas kreieren kann und wird.

 

Ein gutes Beispiel für dieses oft (im wahrsten Sinne des Wortes) schmerzhafte „Learning by Doing“ ist mein erstes Dogtrekking-Rennen im Ausland:

Zu einer Zeit, in der das organisierte Dogtrekking in Österreich noch gar nicht bekannt war (unsere erste Veranstaltung, der Wienerwald-Doghike, ebenso wie das ebenfalls schon projektierte erste Dachstein-Dogtrekking steckten ja noch in der Planungsphase), war es im Jahr 2007 in der Tschechischen Republik bereits ein nicht zu übersehender Faktor im Hundesportgeschehen. Oftmals gingen dort bereits weit über 100 Teams pro Rennen an den Start. Um die Atmosphäre eines solchen Events und auch die Leute, die hinter diesen Veranstaltungen standen, kennenzulernen, meldeten sich mein Sohn Christopher und ich gemeinsam mit Mario Formanek – der, wie schon erwähnt, bereits über einschlägige Erfahrung verfügte –  beim „Pfad des Wolfes“-Dogtrekking (so die deutsche Übersetzung) Anfang September an.

Mario hatte uns bereits gewarnt, dass er bei seinen ersten Rennen meist an dem Umstand gescheitert war, zu viel Gepäck mitzutragen. Zelt, Gaskocher und Konservendosen blieben also wohlweislich zu Hause. Allerdings verschätzten wir uns mit der Menge an Wasser, die wir mittrugen: Sowohl Christopher als auch ich hatten im unteren Fach unserer 70-Liter-Rucksäcke einen Kanister mit fünf Litern Wasser stecken. Dazu kam natürlich noch alles, was zur Pflichtausrüstung gehörte plus viel zu viel Wäsche – und schon waren wir quasi bewegungsunfähig. Diese Tatsache wurde uns allerdings erst nach über einem halben Tag so richtig bewusst, als wir die erste größere Steigung zu bewältigen hatten, einen steilen, steinigen Bergpfad, der unsere Rucksäcke bereits nach einigen Metern so handlich wie Hartschalenkoffer erscheinen ließ. Aufgrund der Tatsache, dass es entlang des Weges viele kleine und größere Bäche gab, wurde uns langsam bewusst, dass wir sicher das Doppelte an Wasser mitführten, als notwendig gewesen wäre. Anstatt aber zumindest einen Teil auszuleeren und somit das Marschgepäck deutlich zu erleichtern, wanderten wir schwer beladen, aber heldenhaft beharrlich weiter.

 

Da wir aber (vor allem im Hinblick auf unsere vergleichsweise langsame Gehgeschwindigkeit) viel zu lange Pausen mit viel zu ausgiebigem Essen eingelegt hatten, stapften wir bald durch die immer dichter werdende Dunkelheit, die nicht nur lästig, sondern letzten Endes auch entscheidend war, dass wir aufgeben und uns etwa um Mitternacht des ersten Tages abholen lassen mussten. Sowohl unsere Motivation als auch unser körperlicher Zustand ließen bis dahin einfach schon zu sehr zu wünschen übrig.

Auch Unachtsamkeit oder Hektik beim Aufbruch von zu Hause kann zu unangenehmen Situationen führen – so passiert beim Krusnohorsky-Dogtrekking 2008, ebenfalls einer traditionsreichen tschechischen Veranstaltung. Vorausgeschickt sei, dass ich dieses Dogtrekking zwar regulär beenden konnte, allerdings nur mit Hilfe eines anderen Teilnehmers:

Kurz vor dem Start (man hatte den einzelnen Teilnehmern fixe Zeiten zugeteilt) entdeckte ich, dass ich offensichtlich vergessen hatte, die bereitgelegte Trekkinghose letzten Endes auch wirklich einzupacken und stand nun vor der Entscheidung, in meinen Jeans an den Start zu gehen oder irgendwoher eine geeignetere Hose zu bekommen – eine wirklich ärgerliche Situation! Es war eine unglaublich große Erleichterung für mich, als Kai Thurau, ein deutscher Dogtrekker, den wir auf diesem Rennen kennengelernt hatten, mir anbot, mir seine Ersatz-Trekkinghose zu leihen – genialer Weise hatten wir die gleiche Größe, die Teilnahme an dem Rennen musste also nicht zwangsläufig mit aufgeriebenen Oberschenkelinnenseiten und einem John-Wayne-ähnlichen Gang enden. Andererseits war diese Hosenleihaktion auch der Startschuss einer netten Freundschaft. Man sieht, es kann aus Schlechtem beim Dogtrekking durchaus auch Gutes erwachsen.

 

Im verzweifelten Bemühen, Fehler kein zweites Mal zu machen, kann es allerdings auch passieren, dass man deutlich über das angepeilte Ziel hinausschießt. Um nicht wieder zu viel Gepäck mitzutragen, beschloss ich beim nächsten „Pfad des Wolfes“ Gewicht einzusparen, wo es nur möglich war. Da mein Drei-Saisonen-Schlafsack nicht nur recht viel Platz im (mittlerweile viel kleiner dimensionierten) Rucksack brauchte, sondern doch auch etwas Gewicht aufzuweisen hatte, entschloss ich mich kurzerhand, ihn durch einen dementsprechend dünnen und leichten Hüttenschlafsack in Kombination mit meinem Biwaksack zu ersetzen. Dass der Biwakplatz auf etwa 1300 Höhenmetern neben einer Schihütte (wo es auch in Augustnächten kühl zu werden pflegte) lag, erfuhr ich erst recht spät – zu spät. Das Lehrgeld, das ich zu zahlen hatte, bestand aus einer kalten, kondenswasserfeuchten und dementsprechend tiefschlaflosen Nacht im strömenden Regen, die noch viel ungemütlicher gewesen wäre, hätte ich mich nicht erst um etwa 3.15 Uhr mit etwa 60 Kilometern in den Beinen und nach einem (feuchtfröhlichen) Gesangsabend aus der Hütte in meinen Biwaksack begeben. So sorgten wenigstens die Erschöpfung und der Alkohol für einige oberflächliche Schlafphasen.

 

Um es kurz zu machen: Dies sollte nicht unbedingt nachgeahmt werden, auch wenn ich dieses Dogtrekking letzten Endes regelkonform und in einer gar nicht so schlechten Zeit beenden konnte.

Wie bereits einmal angedeutet: Viele Fehler können ausgebügelt werden, einer allerdings kostet nicht nur oftmals den Spaß an einer Veranstaltung, sondern kann auch dazu führen, dass zu viel Zeit verloren geht, um das Rennen noch zu finishen. Ich spreche vom Verirren, vom Übersehen von Abzweigungen, vom Missinterpretieren der Karte oder der Wegbeschreibung. Vor allem im Dunkeln passiert es häufig, dass Wegmarkierungen übersehen werden oder dass aufgrund von Erschöpfung die Aufmerksamkeit so nachlässt, dass man sich an einem Ort wiederfindet, an den man eigentlich nie wollte.

Ein wirklicher Meister in dieser Disziplin ist der sonst durchaus patente Importeur des Dogtrekkings nach Österreich, mein Freund Mario.

Beim Sedivacek-Dogtrekking planten (der ebenfalls bereits erwähnte) Kai, Mario und ich, gemeinsam zu starten. Dazu hatten wir zwischen sieben und neun Uhr morgens Gelegenheit – es wurde im Endeffekt ein glatter Kompromiss: Um acht Uhr waren wir bereits mit unseren Hunden Max, Yuma, Ronja und Chester unterwegs. Der Trail führte zuerst steil eine Schipiste hinauf, an einer romantischen Kirche vorbei und dann auf schier endlosen Wanderwegen in den Wald. Bald war Mario mit Yuma zurückgeblieben, Kai und ich trabten – von den gleichmäßig und doch kräftig arbeitenden Hunden hervorragend unterstützt – durch den Morgennebel, der sich nach einigen Regenschauern, die vor Sonnenaufgang niedergegangen waren, gebildet hatte. Es ging auf angenehmen Wanderwegen flott dahin, Mario und seine Yuma allerdings sahen wir zum letzten Mal während dieser Veranstaltung, als sie an einem Checkpoint ankamen, den wir mit unseren Hunden gerade verließen. Das Angebot noch kurz auf ihn zu warten, damit er seine Starkarte abstempeln und zu uns aufschließen konnte, schlug Mario aus – er wollte lieber ein wenig Pause in einem nahe gelegenen Gasthaus machen und meinte, er werde schon allein zurechtkommen. Am Ende des Tages pausierten Kai, ich und unsere Hunde im Camp, durch das uns der Trail grausamer Weise führte, wo aber war Mario? Würde er auch versuchen, noch bis ins Camp zu kommen oder würde er bereits zuvor biwakieren? War er allein unterwegs oder in einer Gruppe? Wir wussten zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass wir weitere 24 Stunden lang nichts von ihm und Yuma hören sollten. Grund für sein Verschwinden war schlicht und ergreifend eine falsche Abzweigung, die ihn unnötiger Weise auf den höchsten Berg der Gegend geführt hatte. Dort hatte er zwar (höchstwahrscheinlich) eine tolle Aussicht, aber leider auch wieder einige Kilometer sinnlosen Retourweg.

Nachdem wir zur Mittagszeit des zweiten Tages ins Ziel gekommen waren, versuchte ich beim Abendessen, unseren Vermissten telefonisch zu erreichen. Tatsächlich kam einige Sekunden lang ein Gespräch zustande, dem ich entnahm, dass er sich offensichtlich (erneut) in der Nacht verirrt hatte, dann riss die Verbindung ab. Wir saßen noch etwas zusammen, plauderten über das vergangene Rennen, über Völkerverständigung, Gott und die Welt und irgendwann beschloss ich, ins (Feld-)Bett zu gehen. Mario würde wohl ein zweites Biwak aufschlagen und morgen im Sonnenlicht den Weg fortsetzen. Kaum war ich am Einschlafen – es war mittlerweile gegen 23 Uhr – erschien der lang Gesuchte. Abgekämpft, wütend auf sich selbst, aber letztendlich erfolgreich hatte er den Weg ins Ziel gefunden.

Die Siegerehrung am nächsten Vormittag, den Großteil der Heimfahrt und einen Besuch bei tschechischen Dogtrekking-Freunden allerdings verschlief er praktisch.

 

 

Selbstverständlich gibt es auch kleinere und größere Unfälle beim Organisieren einer Veranstaltung, bei der Arbeit hinter den Kulissen, bei Probebegehungen, bei der An- und Abreise, aber diese sollen - vorerst - ein Geheimnis bleiben. Andererseits, wer weiß, vielleicht wird diese Website ja eines Tages noch ausgeweitet?